Guilty Bystander

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Bewertung
****
Originaltitel
Guilty Bystander
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1950
Darsteller

Zachary Scott, Faye Emerson, Mary Boland, Sam Levene, J. Edward Bromberg

Regie
Joseph Lerner
Farbe
s/w
Laufzeit
92 min
Bildformat
Vollbild

 


 

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New York in der Abenddämmerung: Ein Taxi fährt abwärts zum East River und kommt an der Brooklyn Bridge mit Blick auf Manhattan zum Stehen. Georgia Thursday (Faye Emerson) steigt aus, bezahlt den Fahrer und blickt sich um, bevor sie aufs Riverview Hotel zusteuert. Sie öffnet die Eingangstür zu der heruntergekommenen Absteige und tritt ein. Der gehbehinderte Harvey (Garney Wilson) ist der erste, der ihr übern Weg läuft, bevor sie an der Rezeption klingelt. Im Hinterzimmer hockt eine Pokerrunde und jemand ruft Smitty (Mary Boland), Inhaberin des Hotels, kurz angebunden zu, dass Kundschaft warte. Die ältliche Dame erscheint im Türrahmen und fragt unhöflich, wozu Georgia das Zimmer brauche. Die junge Frau antwortet, dass sie den Hausdetektiv zu sprechen wünsche. Smitty nennt ihr die Zimmernummer 38 und weist darauf hin, dass sie hartnäckig bleiben müsse - Hausdetektiv Max Thursday (Zachary Scott) sei sozusagen nicht im Dienst. Georgia begibt sich die Stufen hinauf in den zweiten Stock, das Treppengeländer starrt vor Schmutz, und sie klopft an Zimmer 38. Als sie keine Reaktion erhält, öffnet sie die Tür und sieht ihren ex-Mann Max im Unterhemd auf dem ungemachten Bett liegen. Beim ersten Schritt tritt sie gegen eine leere Flache, die unters Bett rollt. Nur mit Mühe gelingt es Georgia den ehemaligen Polizisten, der sie vor zwei Jahren verließ, zu wecken. Aber erst als sie ihm mitteilt, dass ihr gemeinsamer Sohn Jeff seit gestern vermisst werde, kehrt in Max Thursdays Blick das Leben zurück…

 

”But you don’t know what it’s like to be old with nothin’ to look back on and nothin’ to look forward to except more of the same.” Ähnlich wie Edgar G. Ulmers Detour (USA 1945) ist auch Joseph Lerners Guilty Bystander eine grandiose Charakterstudie und eine ebenso pointierte Milieuskizze, die ein Meisterstück der Historie des Film Noirs genannt werden könnte, hätten sich nicht ein, zwei Schönheitsfehler eingeschlichen. Als Verfilmung des gleichnamigen Romans (EA 1947, auf Deutsch 1965 als Wer sich in Gefahr begibt) von Wade Miller, Pseudonym des Autorenduos Robert Allison Wade und H. William Miller, taucht der Film von Anbeginn in Gassen, Hinterhöfe, Lagerhäuser und Kneipen der vom Leben in der Metropole New York Vergessenen und in Schattenzonen dahin vegetierenden Verlierer des American Dreams ein. Das Riverview Hotel am East River von jener im Bademantel mit Zigarette im Mundwinkel und in Pantoffeln darin umher schlurfenden Smitty ist der exemplarische Rückzugsort solcher Kreaturen der Nacht und der von seiner Vergangenheit und vom Alkohol ins Dunkel der Depression getriebene ex-Cop Max Thursday ist ihr Hausdetektiv. Zachary Scott liefert als Schauspieler eine wunderbar pointierte Darstellung ab - in einem B-Film des Poverty-Row-Studios Laurel Films, den das Komitee zur Vergabe der Academy Awards sicher nicht mal zur Kenntnis genommen hatte. Sein Max Thursday ist bis ins Zucken von Mundwinkel und Augenbraue glaubwürdig, ein vom Leben ins Abseits geprügelter Mann von Gestern. Auch Faye Emerson hat einen gelungenen Auftritt, wenn sie ihrem ex-Mann in einer denkwürdigen Auseinandersetzung im Namen ihres Kindes seine Kapitulation nicht ausredet, sondern als Option vor Augen führt, die für Max nicht zur Wahl steht. Drei weitere Darsteller haben in dem nachtschwarzen Film Noir ihren jeweils letzten Auftritt und alle drei sind in ihrer Rolle perfekt gecastet: Mary Boland als schmierige Hotelinhaberin Smitty, der seit 1919 aktive Charakterdarsteller Jed Prouty als Schmuggler Dr. Elder und der aus Österreich-Ungarn eingewanderte J. Edward Bromberg als herzkranker Import-Export-Mobster Otto Varkas.

 

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“The film is great noir, even if it isn’t great otherwise”, schreibt Mark Fertig für Where Danger Lives und besser lässt es sich in solcher Kürze nicht auf den Punkt bringen. Für all diejenigen, die den Fim Noir als einen Filmstil lieben, darin sich Privatdetektive, Femme fatales, Schmalspurganoven und in Brunnen der Hoffnungslosigkeit gefallene Ehemalige des gesellschaftlichen Lebens die Klinke in die Hand geben, ist Guilty Bystander, der 1991 als Hotel der Verlorenen seine hiesige Premiere im Fernsehen hatte, schlicht ein Nirwana. Die Kameraarbeit von Russell Harlan (Gefährliche Leidenschaft, USA 1950) und Gerald Hirschfeld (Wenn es Nacht wird in Manhattan, USA 1970) ist grandios, ebenso wie die Wahl der Drehorte in New York, bei der eine Hetzjagd durch U-Bahn-Tunnel nochmals heraussticht. In einzelnen Sequenzen grandios leidet der Film an einem Übermaß an Dialogen, einer unnötig verkomplizierten Handlungsentwicklung und einer für die Zeit seiner Entstehung typischen, demgegenüber lächerlichen Schlusssequenz. Nicht nur die drei genannten Darsteller verschwanden aus der US-Filmproduktion, auch Regisseur Joseph Lerner drehte im Folgejahr nurmehr eine Komödie, bevor er bis 1957 in Italien an zwei weiteren Filmen beteiligt war. Zachary Scott war von 1944 bis 1949 bei Warner Bros. unter Vertrag. Trotz der männlichen Hauptrolle in dem für Joan Crawford so wichtigen Film Noir Solange ein Herz schlägt (USA 1945) und trotz Auftritten in weiteren A-Produktionen, blieb ihm internationaler Ruhm versagt. Schon ab 1952 trat er vornehmlich in britischen B-Filmen und im Fernsehen auf und verstarb 1965 mit 51 Jahren an einem Hirntumor. Die Autoren der Romanvorlage schrieben im Anschluss an Guilty Bystander bis 1951 weitere fünf Romane um den ex-Polizisten Max Thursday, von denen keiner je fürs Kino oder für das Fernsehen verfilmt wurde.

 

Von Guilty Bystander existiert seit 2019 eine für eine solche B-Filmproduktion bild- und tontechnisch geradezu fantastisch restaurierte Fassung, die man in einigen internationalen Streaming-Portalen genießen kann und nicht verpassen sollte, mit der original englischen Tonspur ohne Untertitel ungekürzt und im Originalformat.

 


Film Noir | 1950 | USA | Joseph Lerner | Russell Harlan | Harry Landers | John Marley | Sam Levene | Zachary Scott | Faye Emerson

Gespeichert von johnny_ringo (nicht überprüft) am 4. Mai 2021 - 11:26

Permanenter Link

Der Film ist im dritten WDR-Programm unter dem Titel "Hotel der Verlorenen" gelaufen.

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