G, The



Psychologische Verteidigung


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Eddie Muller


Wenn es Nach wird in Paris


Film Noir Collection Koch Media GmbH


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Bewertung
****
Originaltitel
The G
Kategorie
Neo Noir
Land
CAN
Erscheinungsjahr
2023
Darsteller

Dale Dickey, Romane Denis, Daniel Brochu, Richard Chevolleau, Greg Ellwand

Regie
Karl R. Hearne
Farbe
Farbe
Laufzeit
109 min
Bildformat
Widescreen

 


 

 

Inmitten einer von Frost und Schnee überdeckten, kargen Landschaft schaufeln Ralph (Jonathan Koensgen) und Matt (Joe Scarpellino) Sand. Plötzlich hören sie ein Geräusch und Ralph legt mit bloßen Händen Nase und Mund eines bereits vollständig eingegrabenen Mannes frei. Er entzündet eine Zigarette und gibt sie dem Mund des noch Lebenden zu rauchen. Indessen fordert er Matt ihn zu fotografieren, doch jener ist nur angwidert und will in Zukunft mit solchen Jobs nichts mehr zu tun haben. Ralph ist von Matt genervt, und die beiden schaufeln den Mann nun endgültig zu… Die 72-jährige Ann Hunter (Dale Dickey) wartet im Behandlungszimmer mit einer OP-Abdeckung überm Oberkörper auf die Rückkehr des Arztes, der kurz darauf im weißen Kittel und mit einem Klemmbrett zur Hand eintritt. Er rekapituliert, dass sie Gewicht verliere und mehr essen solle, dann möchte er mit ihr über ihren Ehemann Chip (Greg Ellwand) sprechen. Ann fragt ihn, was jetzt wieder los sei, und der Mediziner antwortet, dass dummerweise genau sie das Problem sei. Währenddessen steht ihre Enkelin Emma (Romane Denis) im Wartebereich an die Wand gelehnt - trotz der Novemberkälte in Shorts und mit bloßen Beinen. Als sie die Blicke des Arzthelfers bemerkt, zeigt sie ihm den Mittelfinger… Auf der Rückfahrt zu Anns und Chips Apartment erklärt die Alte ihrer Enkelin, dass der Doktor ein Arschloch sei und fragt, ob sie ihr von den Einzelheiten ihres schmuddeligen Sextraums berichten solle, den sie in der letzten Nacht gehabt habe…

 

„Well! Being ruthless means going after your enemies’ weak points without hesitating. Usually that’s someone’s family.” Als ein Netzwerk aus korrupten US-amerikanischen Sozialarbeitern, Mitarbeitern des Gesundheitsamts und der Justiz Ann und Chip Hunter für unmündig erklärt und sie ihres Apartments und ihres Besitzstands beraubt, finden sich die beiden in ein dubioses Pflegeheim verfrachtet, aus dem sie nicht entkommen können. Drahtzieher des Coups sind der sogenannte “legal guardian“ Charles (Daniel Brochu) und dessen rechte Hand Tony (Richard Chevolleau), welche das Ehepaar im Besitz einer größeren, versteckten Geldsumme wähnen. Als die Hunters das verneinen, verprügeln Charles und Ralph den pflegebedürftigen Chip… Ich sah seit langer Zeit keine Independent-Produktion aus der Sparte des Neo Noirs, die mich so zu packen und über die gesamte Laufzeit bei der Stange zu halten vermochte. Es ist wichtig zu erwähnen: Das hier ist nicht für jeden das Richtige, denn es ist starker Tobak. Die kanadische Film, dessen Geschichte in einer Industriestadt im Norden der USA angesiedelt ist, fokussiert sich bewusst auf die Lebensumstände der US-Bürgerinnen und -Bürger am unteren Ende der Nahrungskette, konzentriert sich auf die Majorität der Habenichtse, sind diese erst einmal alt. Unter dem Schutz gültigen Rechts werden sie in The G von skrupellosen Betrügern im Staatsdienst – Ärzten, Anwälten, Sozialarbeitern – gezielt um das Wenige betrogen, dass sie sich für ihr Alter auf die Kante legten und im Anschluss von willigen Helfern quasi entsorgt. Denn in der Regel fragt niemand nach den Umständen ihres Todes oder überhaupt nach ihrem Verbleib. So ist dieses Geschäft für die Beteiligten mehr als lukrativ. Ann Hunter entstammt jedoch selbst einer kriminellen Sippschaft in West-Texas und setzt sich zur Wehr. Mit Hilfe und zugunsten der von ihr über alles geliebten Enkelin Emma schreckt sie im Zug der Eskalation, der sie sich ausgesetzt findet, vor keinem Mittel zurück.

 

“Dale Dickey shines as a pensioner woman (…) in this blistering winter noir which sees Ann, aka The G (for Granny), exacting revenge on the slippery businessman who has become her legal guardian", schreibt Wendy Ide für Screen Daily und zielt aufs Herz der Produktion, auf die großartige Darstellung der US-amerikanischen Schauspielerin Dale Dickey, die als Charakterdarstellerin schon manchen Neo Noir veredelte, in dieser Hauptrolle aber ihr ganzes Potential entfaltet. Deren Repertoire an mimischem Ausdruck und ihre Energie ließen mich an James Cagney denken: Dickey beherrscht die Leinwand souverän. Das allein macht noch keinen guten Film, und so sind es sowohl die Dramaturgie und das knackige Drehbuch von Karl R. Hearne als auch das Casting, die solches Werk runden. Insofern ich selbst von vielen der kanadischen Darsteller nie gehört hatte, war ich verblüfft, wie solches Ensemble miteinander harmoniert. In The G gibt es reihum bestes Schauspiel zu sehen, und allein das ist eine wahre Freude. In der Nachbarschaft von Debra Graniks Winter’s Bone (USA 2010), Jeremy Saulniers Blue Ruin (USA/FRA 2013), David Burris‘ Zorniges Land (USA 2015) oder Mélanie Laurents Galveston – Die Hölle ist ein Paradies (USA 2018) ist The G ein böser, kleiner Film von hoher Relevanz, den ich Freunden des Neo Noirs ohne Abstriche empfehlen kann.

 

In Deutschland gibt es den Film weder als Blu-ray disc noch als DVD, auch im Kino lief er nicht. Man muss auf die britische DVD-Edition (2024) der Lightbulb Film Distribution (UK) zurückgreifen, die das Werk ungekürzt und im Originalformat inklusive der englischen Originalsprache ohne Untertitel sowie bild- und tontechnisch einwandfrei beinhaltet. Den meines Wissens weltweit einzigen physischen Bildträger des Films erhält man sogar im Pappschuber; Extras gibt es auf der Disc selbst jedoch keine.

 


 

Neo Noir | 2023 | International | Karl R. Hearne | Dale Dickey

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