Liam Neeson, Daniel Diemer, Javier Molina, Jimmy Gonzales, Ron Perlman
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Boston, Massachusetts: Der ex-Boxprofi und alternde Gangster Murtagh (Liam Nesson) fährt in seinem 1970er Chevrolet Chevelle Malibu bis ans Ende der Sackgasse, die ihm Ausblick auf den Boston Main Channel und die zum gegenüberliegenden Flughafen einfliegenden Passagiermaschinen gewährt. Er steigt aus und geht zu seinem Haus, wo er den überfüllten Briefkasten leert. Er erinnert sich, wie ihn sein Vater (Josh Drennen), als er etwa 10 Jahre alt war, ein Weichei schimpfte, und er, um sich den Respekt dieses Vaters zu verdienen, daraufhin einen älteren Jungen aus der Nachbarschaft windelweich prügelte. Noch in der Jacke schenkt er sich einen Whiskey auf Eis ein und leert das Glas in einem Zug… Mit Kyle Conner (Daniel Diemer), Sohn seines Brötchengebers Charlie Conner (Ron Perlman), ist Murtagh kurz darauf in einer Halle des Industriehafens, wo Arbeiter gewaltige Thunfische mit elektrischen Sägen zerteilen. Zwei Männer in Gummischürzen, Diego Machado (Jimmy Gonzales ) und Gamberro (Javier Molina), kommen vom Pier herein. Machado lässt Kyle wissen, dass er eine Lieferung erwarte, die ein Weißer aus New York bis zu ihm nach Hause kutschieren müsse. Conner will wissen, um was für eine Lieferung es sich handele, doch das findet Machado nicht witzig. Er macht ihm klar, dass er nichts zu melden habe. Dann möchte Machado wissen, wo er seinen Begleiter, dieses Artefakt, aufgegabelt habe. Doch Murtagh antwortet selbst: Höre der Kerl nicht auf ihn anzustarren, werde er Gamberro die Schulter brechen…
“From the start, you certainly get a neo-noir feel with some gravelly voiceover about proving he was a tough guy to his father. There is a more serious and somber tone to this one”, schreibt Shane Conto mit Fug und Recht für The Wasteland Reviewer. Allerdings ist das der Grund, warum die wie auch sonst im Fall eines neuen Liam-Neeson-Films als Action-Thriller vermarktete Produktion des US-Autors Tony Gayton (The Salton Sea, USA 2002) und des norwegischen Regisseurs Hans Petter Moland (Erlösung, DNK/GER/SWE/NOR 2016) fast durchweg miserable Kritiken erhielt und an der Kinokasse floppte. Publikum und Kritiker wollen und erwarten bei Liam Neeson in einem leicht veränderten Setting immer den gleichen Film zu sehen. Sogar das altmodische Kinoplakat für Absolution versprach genau das: Spannung und Action, Prügeleien und Geballer, zuletzt ein “Happy End“, also mehr oder minder. All das fällt jedoch flach. Mit Absolution erzählt Drehbuchautor Tony Gayton die Geschichte seiner Heimat, die bis ins Mark zerrüttet und vielerorts verrottet ist. Dass die USA eine Nation sind, darin Armut und Verzweiflung, skrupellose Verbrechen und lebenslange Hoffnungslosigkeit, Lügen und Korruption überall zum Alltag gehören, ist für Thriller “Made in Hollywood“ geradezu typisch. Es liest sich wie eine Liste von Bestanteilen, die im US-amerikanischen Neo Noir fast immer ihren Platz einnehmen und zwar seit den 70er Jahren. Damals befreite sich “New Hollywood“ von den letzten Tabus des traditionellen Studiosystems. Superfly (USA 1972) von Gordon Parks jr., Zeuge einer Verschwörung (USA 1974) von Alan J. Pakula oder Getaway (USA 1972) von Sam Peckinpah ließen ihr Publikum wissen, dass die Vereinigten Staaten ein Dschungel seien und jeder sich selbst der nächste. Vertraue niemandem, oder Du wirst von kriminellen Kräften zermalmt werden. Am besten siehst Du zu, dass Du Dir ein Stück vom Kuchen sicherst und Dich ins Ausland absetzt. Das war die Kernbotschaft solcher Werke: Film Noir in Reinkultur, nicht weit von Delmer Daves‘ Das unbekannte Gesicht / Die schwarze Natter (USA 1947) oder Joseph Loseys Dem Satan singt man keine Lieder (USA 1951). Die USA ist im Neo Noir oft ein Ort der Rechtlosigkeit: eine Gesellschaft, von der Gier nach Macht und Geld auf allen Etagen entkernt, darin nur der gnadenlose Egoist überlebt. Exakt das sehen wir auch in Hans Petter Molands Neo Noir Absolution. “Life’s a shitstorm“, resümiert Murtagh an einer Stelle gegenüber seiner Geliebten (Yolonda Ross). Zu dem Zeitpunkt wissen wir längst, dass er Recht hat.
“Pops says, he wants me to learn the business from the bottom. Remember?” – “I got news for you. This business is all done on the bottom.” Auch das klingt, sobald es ausgesprochen ist, als wäre es eine Definition des Wirtschaftslebens in den USA überhaupt und bezöge sich nicht auf die kriminellen Aktivitäten von Ganoven, die besser nicht wissen, an welcher Art von Geschäft sie beteiligt sind, sofern ihnen ihr Leben lieb ist. Mancher Zuschauer in den USA äußerte sein Missfallen über den Film, weil er “depressing“ sei. Nun, Tony Gayton (Jahrgang 1959) und Hans Petter Moland (Jahrgang 1955) machen aus ihrer Einschätzung der Verhältnisse in den USA keinen Hehl. Ihr Absolution ist ein Drama ohne Zuckerguss, soviel ist sicher. Der aus Irland stammende Filmstar Liam Neeson (Jahrgang 1952) schöpft aus dem Vollen. Sein Schmalspurgangster Murtagh, der nach ärztlicher Diagnose bezüglich chronisch traumatischer Enzephalopathie (CTE) sein Leben in Würde und mit letzten Gesten der Zuneigung an seine Familie beschließen möchte, ist eine en détail gerundete und ausgefeilte Figur. Kritiker und Publikum beurteilten Liam Neeson für die Rolle von Raymond Chandlers Privatdetektiv Philip Marlowe in Neil Jordans Marlowe (IRL/ESP/FRA/USA 2022) als zu alt. In Absolution ist er genau am richtigen Platz. Wenn die Mischung aus Familiendrama und Thriller hin und wieder auch knirscht, bleibt es ein Werk, das mich beeindruckte. Allerdings bin ich einer von ganz wenigen, die es empfehlen. Es ist halt ein Neo Noir: das Gegenteil zeitgenössischen Feel-Good-Kinos.
In Deutschland hat man längst aufgehört, Liam Neesons Filme noch als digitale Bildträger auf den Markt zu bringen. Nur in Frankreich ist der Film via Metropolitan Film & Vidéo als Blu-ray disc und DVD (2025) erschienen, bild- und tontechnisch exzellent, ungekürzt und im Originalformat, mit der original englischen Tonspur, dazu optional französische Untertitel.











