goldene Pest, Die

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Bewertung
****
Originaltitel
Die goldene Pest
Kategorie
Film Noir
Land
GER
Erscheinungsjahr
1954
Darsteller

Ivan Desny, Gertrud Kückelmann, Karlheinz Böhm, Wilfried Seyferth, Elise Aulinger

Regie
John Brahm
Farbe
s/w
Laufzeit
89 min
Bildformat
Vollbild

 


 

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In der Nähe eines Truppenübungsplatzes der US-Armee wird der reiche Direktor Tonder (Heinz Hilpert), der sich in seinem 1952er Mercedes-Benz 300 von seiner rechten Hand Hamann (Alexander Golling) übers Land kutschieren lässt, von einem Wachposten auf einen Feldweg Richtung Dossental umgeleitet. Tonder lässt seinen Chauffeur nach einem in dem Dorf lebenden Karl Hellmer (Karlheinz Böhm) fragen und der Wachmann erklärt ihm, dass Karl, Sohn des Kirchenorganisten und einst selbst Pianist, heute sicher in der Kirche die Orgel spiele. Als sie vom Feldweg wieder auf die Hauptstraße abbiegen, fahren sie entlang der Neubauten der US-Kaserne und Hamann merkt an, dass Wenzeslaw Kolowrat (Wilfried Seyferth) recht habe, wenn er denkt, dass hier Geld am Werk sei. In Dossental hält der Mercedes vor der Dorfkirche und Tonder, mit Sonnenbrille und Zigarre auf der Rückbank, schickt Hamann los, um Karl Hellmer zu holen. Als Hamann bemerkt, dass die Gemeinde noch singe, raunzt Tonder ihm zu, dass er gehorchen solle. Der Chauffeur betritt in Livree die Kirche, zwängt sich durch die vollständig anwesende Gemeinde bis zu dem auf der Empore an der Orgel sitzenden Hellmer, hinter ihm seine Schwester Franziska (Gertrud Kückelmann), und flüstert Karl zu, dass Tonder im Wagen auf ihn warte. Hellmer wird nervös, lässt sich als Musiker vertreten und folgt Hamann nach draußen. Der Direktor will wissen, ob er vom Gemeinderat die Konzession fürs Festzelt bewilligt bekommen habe, und der junge Mann gerät unter Druck…

 

Die Geschichte von Hollywoods goldenem Zeitalter und besonders die des Film Noirs ist von einer Reihe deutscher (und österreichischer) Exilanten auf dem Regiestuhl geprägt, die ihre Heimat nach Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts als Verfemte und Verfolgte verließen. Fritz Lang, Gerd Oswald, Robert Siodmak, Billy Wilder, Max Ophüls, Otto Preminger, Douglas Sirk, Edgar G. Ulmer oder Curtis Bernhardt sind nur einige der bekannten Filmschaffenden jener Zeit. Auch John Brahm, der als deutscher Jude 1933 mit seiner Ehefrau emigriert und 1937 in die USA übersiedelt war, hat mit Scotland Yard greift ein (USA 1944) und mit The Brasher Doubloon / The High Window (USA 1947) nach einer Vorlage Raymond Chandlers die Analen des Film Noirs mitgeschrieben. Wie viele andere hatte der Hans Julius getaufte Deutsche sich umbenannt. Als John Brahm wurde er ab den frühen 40er Jahren zu einem wichtigen und geschätzten Regisseur des US-amerikanischen Films. In den 50er Jahren kehrten mit Robert Siodmak, Fritz Lang und Gerd Oswald einige Exilanten nach Europa zurück. Die erzreaktionäre politische Kultur der McCarthy-Ära und die Krise der US-amerikanischen Filmstudios durch die Konkurrenz des aufstrebenden Fernsehens erschwerten ihnen die Arbeit in Hollywood zunehmend. Auch John Brahm drehte 1954 für die Occident Filmproduktion, Köln, einen Film in der jungen Bundesrepublik: Die goldene Pest. Solches Werk ist mehr als bemerkenswert. Seine Skepsis gegenüber dem Wirtschaftswunder, seine kapitalismuskritische Sichtweise auf Menschen, die ihre vom Erfolg geweckte, maßlose Raff- und Habgier schier um den Verstand bringt, sein Ausloten menschlicher Abgründe in der Darstellung unglaublich bizarrer Unterhaltungspossen ergibt in der Summe einen Film von höchster Eigenart. Sowohl ein Einzelner, nämlich der in der Verkörperung duch Karlheinz Böhm exemplarische Film-Noir-Charakter Karl Hellmer, als auch das Dorf Dossental kommen vom Weg ab. Denn davon handelt dieses Werk, von der Verführung durch den Mammon und das vermeintlich Richtige im Falschen.

 

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„Kalt hier bei Euch, mein Lieber,“ spricht der G.I. im Jeep zu dem deutschen Bauern, der sein Furhwerk mit einem davor gespannten Ochsen aus Dossental aufs Feld hinausführt. „Es war auch schon heißer,“ antwortet der einfache Mann mit der Schirmmütze und zieht von dannen. So lauten die letzten Zeilen des Films, an dessen Ende das Dorf Dossental in eine vorindustrielle Romantik zurückgekehrt ist. Diese Schlussszene ist als Blick auf eine Bundesrepublik Deutschland im Jahrzehnt des Wirtschaftswunders von einem solch bitterbösen Sarakasmus gekennzeichnet, dass der Misserfolg des Werks damit vorprogrammiert war. Trotz einer Riege damals bekannter deutscher Filmstars – Ivan Desny, Erich Ponto, Karlheinz Böhm – floppte Die goldene Pest. Eine solch ätzend scharfe Kritik am hemmungslosen Fortschrittsglauben und vor allem an der Gier als der hinter dem Tand und den Fassaden vorherrschenden Motivation wollte man sich - man denke nur an Peter Lorres Der Verlorene (GER 1951) - von einem Exilanten nicht bieten lassen. Vieles im Drehbuch und in der Dramaturgie der bis ins Finale konsequent durchdeklinierten Geschichte ist an den Film Noir angelehnt. Die Femme fatale wurde jedoch gegen die biedere Franziska Hellmer, Karls Schwester und US-Sergeant Richard Hartwigs (Ivan Desny) Verlobte, ausgewechselt, was bedauerlich ist. Karl allerdings, einst aufstrebender Pianist und nun eine Marionette von Geschäftsmann in Händen eines Dämons, ist in seinen Facetten so schillernd wie Farley Granger in Im Schatten der Nacht (USA 1948) oder Burt Lancaster in Gewagtes Alibi (USA 1949). Zu spät bemerkt er, dass ihm der Weg zurück versperrt und dass die Flucht nach vorn aussichtslos ist… Nach einer behäbigen ersten Hälfte zeigt Brahm in Richtung des Finales die Krallen und schuf mit Die goldene Pest einen deutschen Film (Noir), der stets auf eine Wiederentdeckung und Neubewertung wartet.

 

Leider existiert bis dato weltweit keine BD / DVD des Films. In Online-Portalen findet sich mit deutscher Tonspur ohne Untertitel eine TV-Kopie in bild- und tontechnisch durchschnittlicher Qualität, die (ungekürzt im Originalformat) allen Freunden des Film Noirs und der Filmklassik empfohlen sei.

 


Film Noir | 1954 | International | John Brahm | Ivan Desny | Wolfgang Neuss

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