Paradise Highway



Psychologische Verteidigung


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Eddie Muller


Wenn es Nach wird in Paris


Film Noir Collection Koch Media GmbH


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Bewertung
***
Originaltitel
Paradise Highway
Kategorie
Neo Noir
Land
GER/USA/SUI
Erscheinungsjahr
2022
Darsteller

Juliette Binoche, Hala Finley, Frank Grillo, Morgan Freeman, Cameron Monaghan

Regie
Anna Gutto
Farbe
Farbe
Laufzeit
115 min
Bildformat
Widescreen

 


 

© capelight pictures

Auf einer Brachfläche am Ufer des Mississippis sitzt Lkw-Fahrerin Sally (Juliette Binoche) zum Sonnenaufgang im Führerhaus der dreiachsigen Zugmaschine ihres Peterbilt 589, eines gewaltigen Trucks mit einem langen, verchromten Sattelauflieger hintendran. Sie hört die Verkehrsnachrichten und den CB-Funk ihrer Kolleginnen, die im Stau stecken, bis ein Pkw um den Truck herumfährt und knapp hinterm Fahrerhaus stehenbleibt. Ein Mann in T-Shirt und dreiviertel langen Hosen entnimmt einem Seitenfach zwei Reisetaschen, überprüft deren Inhalt, bevor er sie auf seiner Rückbank verstaut, dann klopft er mit der Faust zweimal an die Fahrertür des Peterbilt Trucks… In hellen Sonnenschein ist Sally auf der Landstraße in Richtung Highway 61unterwegs. Per Funk quatscht sie mit ihren Kolleginnen Pattie (Desiree Wood) und Dolly (Dianne McNair-Smith), die sich über ihren kanadischen Akzent lustig machen, indessen sie auf dem Weg zur Gefängnisanstalt Utica ist. Dort wird sie ein letztes Mal ihren jüngeren Bruder Dennis (Frank Grillo) besuchen, der am kommenden Donnerstag seine fünfjährige Haftstrafe beendet haben und auf freien Fuß kommen wird. Die Begrüßung der beiden fällt herzlich aus, aber zum Schluss gibt ihr Dennis erneut einen Zettel mit auf den Weg, darauf ein Treffpunkt verzeichnet ist, wo sie eine “Ware“ in Empfang nehmen soll, die über die Staatsgrenze gebracht werden muss. Sally ist sichtlich irritiert, denn ihr Bruder hatte ihr schon beim letzten Mal das Ende solcher Schmuggelgeschäfte zugesichert…

 

“You're lucky. You know where you wanna go. I only know what I'm running from.” Das ist im Grunde ein guter Film, der im Abschluss leider schwächelt. Positiv: Das Casting ist großteils gelungen. Alle Akteure in Hauptrollen inklusive Cameron Managhan zeigen sich engagiert und porträtieren ihre Rollencharaktere bis ins Detail glaubwürdig. Erstaunlich ist dies bei Juliette Binoche, die als abgebrühte Lkw-Fahrerin Sally wider ihren Typ agiert und sich als enorm versiert erweist. Kinderdarstellerin Hala Finley ist ebenfalls gut gewählt, und Morgan Freeman erhält mit 84 Jahren nochmals Gelegenheit, in eine Ermittlerrolle zu schlüpfen. Letztere wird nicht ohne Augenzwinkern gespielt, und das kommt der Figur des ex-FBI Special Agent Gerick, der nach seiner Pensionierung als “Consultant“ einfach weitermacht, durchaus zugute. Die norwegische Autorin und Regisseurin Anna Gutto, die zuvor eine Reihe von Kurzfilmen in den USA realisiert hatte, holte sich mit ihrem Landsmann John Christian Rosenlund einen Kameramann von einiger Klasse, der den US-amerikanischen Süden der Bundesstaaten Mississippi und Arkansas etwas anders bebildert. Die Landschaften, meist Agrarflächen, wirken kahl und trist, die Trailer-Parks in Kleinstädten und Raststätten entlang der Highways mit ihren Dutzenden von Trucks mehr als nüchtern. Überhaupt wird das Leben auf der Landstraße seiner Romantik entkleidet, wie man es aus US-Produktionen à la Sam Peckinpahs Convoy (USA 1978) kennt, wandelt es sich mehr zu einem Überleben. Das zentrale Thema ist Pädophilie, der Handel mit Minderjährigen aus dem White-Trash-Milieu, dem die staatlichen Behörden wenig entgegenzusetzen haben. Im Gegenteil sind diese oft selbst korrupt, und die Mädchen haben in den Weiten der US-amerikanischen Provinz, darin sich ihr Elend meist abspielt, keine Fürsprecher. Auch Sally will, als sie realisiert, dass die “Ware“ diesmal keine Drogen sind, mit Menschenhandel nichts zu tun haben. Doch als die kriminelle Claire (Christiane Seidel) ihr mit dem Tod des Bruders droht, zeigt sie sich bereit, die 13-jährige Leila (Hala Finley) dem pädophilen ex-Polizisten Paul (Jim Dougherty) auszuliefern.

 

© capelight pictures

Für das US-Branchenblatt der Unterhaltungsindustrie Variety beschreibt Filmjournalist Joe Leydon Anna Guttos Paradise Highway als “…solid and satisfying thriller, a shrewdly constructed melodrama that does not transcend cliches and conventions so much as show how useful and effective they can be in the right hands.” Das ist auf den Punkt gebracht und impliziert, dass der Film oft drauf und dran ist, besser sein zu wollen (und zu können), als er am Ende tatsächlich ist. Eine feine Zeichnung der Charaktere, eine von Empathie und Beobachtung geprägte Entwicklung ihrer Beziehungen zeichnet die Filmhandlung aus, demgegenüber das Finale dann doch klischeehaft und geradewegs vorhersehbar, in der Inszenierung holprig und banal daherkommt. Schade! Auch die Film-Noir-Klassiker Nachts unterwegs (USA 1940), Hi-Jacked (USA 1950), Gas-Oil (FRA 1955), Duell am Steuer (UK 1957) oder Die Fahrt in den Abgrund (UK/USA 1957) spielten im Milieu der Fernfahrer und ihrer Lebensumgebung mit schillernden Charakteren reihum. Paradise Highway samt seiner Antiheldin Sally (inklusive dunkler Vergangenheit) reiht sich stimmungsvoll ein, obgleich mir ein paar Prozentpunkte fehlen dem sympathischen Werk die vier Sterne zu verleihen, die ich ihm gern zugestanden hätte. Das US-Publikum kann mit dem Film interessanterweise nichts anfangen. Neben üblichen Wehklagen wegen zu wenig Action habe ich den Verdacht, dass man sich von einer norwegischen Autorin womöglich nicht über Menschenhandel und Pädophilie in den USA belehren lassen möchte. Alles in allem kann sich ein Connaisseur des Neo Noirs diesen Film jedoch getrost anschauen.

 

Via capelight pictures lässt sich auf eine gut editierte deutsche BD- oder DVD-Ausgabe (2022) mit dem Film ungekürzt im Originalformat zugreifen, bild- und tontechnisch exzellent. Dazu gibt es die original englische Tonspur und eine (schlechte) deutsche Synchronisation sowie optional Untertitel auf Deutsch. Als Extras sind eine Kurzdokumentation betitelt Hinter den Kulissen und der Kinotrailer beinhaltet.

 


 

 

Neo Noir | 2022 | International | Anna Gutto | Frank Grillo | Morgan Freeman

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