Limehouse Blues / East End Chant



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Eddie Muller


Wenn es Nach wird in Paris


Film Noir Collection Koch Media GmbH


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Bewertung
****
Originaltitel
Limehouse Blues
Kategorie
Pre Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1934
Darsteller

George Raft, Jean Parker, Anna May Wong, Kent Taylor, Montagu Love

Regie
Alexander Hall
Farbe
s/w
Laufzeit
65 min
Bildformat
Vollbild

 


 

© Paramount Pictures Corp.

Der entlang der Themse gelegene Stadtteil Limehouse im Bezirk London Borough of Tower Hamlets im Osten der Hauptstadt Großbritanniens. Es ist Abend und Dunkelheit hat sich über die schmalen, feuchten und von Nachtschwärmern belebten Gassen gelegt. Eine Flasche fällt aus einem Fenster, ein Mann ruft um Hilfe, doch die Passanten lachen ihn aus. Das Orchester der Heilsarmee spielt auf, und ein “Bobby“ im Regenmantel macht seine Runde, als vom Fluss her ein Boot der “Police Patrol“ Kurs auf den Pier nimmt und Inspector Sheridan (Robert Loraine) von Scotland Yard mit mehreren Uniformierten an Land geht. Der im Kampf gegen den organisierten Schmuggel tätige Beamte lässt seine Männer zurück und geht in den Nachtclub The Lily Gardens. Hier tritt in einem enganliegenden Drachenkostüm eben die Tänzerin Tu Tuan (Anna May Wong) auf, begleitet vom Pianisten Herb (Billy Bevan), dem sie bei Ankunft des Polizisten ein Zeichen gibt. Herb spielt eine Triole und der Bedienstete Rhama (Louis Vincenot) eilt durch einen Perlenvorhang zu einer Tür, die in rückwärts gelegene Büroräume führt. Nach Beendigung von Tu Tuans Auftritt möchte auch Sheridan dorthin. Er fragt zuvor Herb nach dem Verbleib Harry Youngs (George Raft), dem aus New York eingewanderten Halbchinesen, den er unterm Deckmantel seiner Tätigkeiten in The Lily Gardens des Schmuggels verdächtigt. Herb gibt Young erstmal ein Alibi und verwickelt den Beamten dann in ein Gespräch über einen angeblichen Vorfall im Club…

 

“The older I grow, the less I argue with a man in love." Während der 30er hatten Hollywoodfilme mit einem Bezug zu Fernost langfristig Konjunktur. Rowland V. Lees The Mysterious Dr. Fu Manchu (USA 1929), Joseph von Sternbergs Shanghai Express (USA 1932) sowie eine bis in die 40er erfolgreiche Serie von Spielfilmen um den chinesischen Detektiv Charlie Chan, ab 1931 von Warner Oland verkörpert, gaben die Richtung vor. Auch London, England, war als gotische Kulisse im von Gaslaternen erleuchteten Nebel der Themse ein beliebter Ort von Leinwanddramen. Vor allem Gruselfilme wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde (USA 1931), Dracula (USA 1931) oder Der Unsichtbare (USA 1933) spielten wie der Historienschinken The Barretts Of Wimpole Street (USA 1934) in der Hauptstadt Großbritanniens und nutzten das geschichtsträchtige Flair der europäischen Metropole. Alexander Halls Limehouse Blues, bei Wiederveröffentlichung in East Side Chant umbenannt, ist eine Produktion der Paramount Pictures Corporation und basiert lose auf Thomas Burkes Erzählband Limehouse Nights (EA 1916), und solcher Arbeitstitel des Films taucht auf Aushangfotos des Jahres 1934 auf. Er ist als Beispiel eines dem Film Noir (ab 1941) vorangehendes Kriminaldrama nicht nur deshalb erwähnenswert, weil er bis heute fast nie genannt wird. Limehouse Blues ist aber atmosphärisch ungemein dicht und bringt ein erstaunliches Ensemble ans Ufer der Themse, das komplett in Studiobauten Hollywoods inszeniert wurde. Letzteres wird von Georgen Raft angeführt, ein Mann, von dem ich in der Regel nichts erwarte. Meist startet ein Filmstar ja eher bescheiden, mitunter sogar schwach. Robert Mitchum oder Humphrey Bogart sind Beispiele dafür. Über die Jahre werden die Leute dann besser, entwickeln sich zu Darstellern von Rang. Bei George Raft lief es umgekehrt. Seine Leistungen in den 30ern sind deutlich hochwertiger als jene in den 40er oder 50er Jahren, wo er in Filmen wie Verbotene Rache / Rotes Licht (USA 1949) oder Hyänen der Unterwelt (USA 1952) steif wie ein Brett agiert: ein Mann ohne einen Anflug von Motivation oder gar Inspiration.

 

“In case you think you've seen everything, here is George Raft playing Chinese with Anna May Wong in the 1934 proto-noir Limehouse Blues”, schreibt Elizabeth Pearce für The World Of Noir und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Tatsächlich sind die beiden herausragend in diesem dunklen Drama, dessen Finale und Schlusspunkt keinem Film Noir der 40er Jahre nachsteht. Dass George Raft als Halbchinese eine echte Charakterrolle zu spielen hat und mit Anna May Wong eine orientalische Tanzeinlage aufs Parkett legt, die das Gegenstück zu seinem hölzernen Schauspiel späterer Jahrzehnte ist, muss man gesehen haben. Alexander Halls Regieleistung wirkt für die 30er flüssig und elegant, durchs bewegliche Kameraauge des seit 1914 aktiven Kameramanns Harry Fischbeck sichtlich unterstützt. Das Manko besteht darin, dass der Film bis heute nicht in einer restaurierten Fassung vorliegt, dessen seine fast ausschließlich bei Nacht inszenierten Exkursionen ins London der 30er Jahre dringend bedürften. Fazit: Kein Meisterwerk, aber ein exotischer Genuss für Cineasten der Filmklassik, den eine adäquate Wiederveröffentlichung erheblich steigern könnte.

 

Bis heute (2026) gibt es von Limehouse Blues / East End Chant keine BD oder DVD-Edition, der in einigen Online-Portalen als TV- bzw. Videomitschnitt zur Verfügung steht, ungekürzt und im Originalformat, doch in einer Fassung von bescheidener Bild- und Tonqualität und mit der original englischen Tonspur ohne Untertitel.

 


 

Pre Noir | 1934 | USA | Alexander Hall | Colin Tapley | George Raft | Kent Taylor | Ann Sheridan | Anna May Wong

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