Verräter, Der



Psychologische Verteidigung


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Eddie Muller


Wenn es Nach wird in Paris


Film Noir Collection Koch Media GmbH


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Bewertung
****
Originaltitel
The Informer
Kategorie
Pre Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1935
Darsteller

Victor McLaglen, Heather Angel, Preston Foster, Margot Grahame, Wallace Ford

Regie
John Ford
Farbe
s/w
Laufzeit
91 min
Bildformat
Vollbild

 


 

© Warner Bros.

Dublin, Irland, im Jahr 1922, zu Beginn des irischen Bürgerkriegs: Herumtreiber Gypo Nolan (Victor McLaglen) geht am Abend eine von Nebelschwaden durchzogene Gasse entlang, als er im Schein der Gasleternen an einer Hauswand ein Fahndungsplakat sieht. Darauf abgebildet ist sein Freund Frankie McPhillip (Wallace Ford), ein Widerstandskämpfer der IRA im Kampf gegen die den Briten treue irische Armee. Jener wird von der Polizei wegen Mordes gesucht und Hinweise, die zu seiner Verhaftung führten, würden mit 20 britischen Pfund entlohnt werden. Der arme Kerl betrachtet das Plakat; seine Augen bleiben an der versprochenen Summe hängen. Dann blickt Gypo sich um und reißt es von der Wand. Als er weiterläuft, treibt der Wind es hinter ihm her. Die Reste des Plakats bleiben an seiner Wade hängen, bevor er sie verärgert abschüttelt. Kurz lauscht er vor einem Pub einem Straßensänger (Denis O’Dea), der von einem Violinisten begleitet wird und das irische Volkslied The Rose of Tralee singt. Eine Patrouille der Armee kommt heran. Die Umherstehenden laufen davon, und der Sänger hebt seine Arme, um zu zeigen, dass er unbewaffnet sei, ohne jedoch im Lied innezuhalten… Nicht weit davon lehnt an diesem Abend die hübsche Katie Madden (Margot Grahame) an einem Laternenpfahl, als der wohlhabende Schneider Peter Mulligan (Donald Meek) mit Melone und Gehstock daherkommt und ihr schöne Augen macht. Erst gibt sie sich kühl, dann nimmt sie das Tuch von ihrem Kopf, legt es sich um die Schultern und geht auf ihn zu…

 

“The Informer is a death-caked glimpse of the film noir, an omen of not only Irish desperation but the doom of the Great Depression”, schreibt Jake Walters für The Long Take mit großer Begeisterung, die ich selbst zwar nicht vollständig teile, dennoch nachvollziehen kann. Der Film hat durchaus seine Qualitäten. Die erste davon ist schon mal Regisseur John Ford. Im Zusammenhang mit dem Film Noir wird er nie genannt, weil er dem Filmstil und dem Genre des Thrillers oder des Kriminalfilms nahezu fernblieb. Ford ist international vor allem für seine Western bekannt und geachtet, dabei hat er auch viele Historiendramen, Kriegs- und Abenteuerfilme sowie Komödien gedreht. Trotz seiner wiederholten Zusammenarbeit mit John Wayne über Jahrzehnte hinweg war er politisch keineswegs konservativ. Zum Zeitpunkt, als er den Roman des irischen Erfolgsschriftstellers Liam O’Flaherty mit dem Titel The Informer (EA 1925, auf Deutsch 1928 als Die Nacht nach dem Verrat) verfilmte, hatte John Ford bereits 18 Jahre Erfahrung als Regisseur hinter sich und für fast 80 Produktionen auf dem Regiestuhl gesessen. Noch zur Zeit des Tonfilms der 30er Jahre lieferte er zwei bis vier Filme pro Jahr ab. Aber Der Verräter lebt auch von Kameramann Joseph H. August und von einem exquisit gewählten Ensemble, darunter Wallace Ford, Preston Foster und Joe Sawyer – lauter auch im Film Noir der 40er nochmals wichtige Darsteller. Vor allem ist der Film die große Stunde von Victor McLaglen, der den einfältigen Gypo Nolan, der wegen sechs Monate zuvor Insubordination aus der IRA ausgeschlossen worden war, geradezu perfekt zu verkörpern weiß. McLaglen war ein britischer Schauspieler schottischer Herkunft, ein ex-Boxer und Soldat des ersten Weltkriegs, der für seine Rolle in John Fords Film 1936 den Oscar als Bester Hauptdarsteller erhielt. 

 

© Warner Bros.

“Gypo, where did you get that money? Look at it, and not an hour ago you hadn't a penny to warm your pocket.” Für 20 britische Pfund, den Preis für eine Schiffspassage für ihn und seine Freundin Katie Madden (Margot Grahame) in die USA, verpfeift Gypo Nolan seinen ehemaligen IRA-Freund Frankie McPhillip (Wallace Ford), der bei seiner Verhaftung im Haus der Mutter (Una O’Connor) von britischen Soldaten erschossen wird. Was folgt, ist nicht weit von Carol Reeds Ausgestoßen (UK 1947), ebenfalls in Kreisen der IRA in Dublin angesiedelt. Aber auch Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder (GER 1931), Jules Dassins Die Ratte von Soho (UK 1950) oder John Berrys Steckbrief 7-73 (USA 1951) kommen mir in den Sinn. Die Nähe zum Film Noir ist in Anbetracht des Handlungsverlaufs (im Lauf einer Nacht) und der düster dräuenden Atmosphäre in den von Gaslaternen erleuchteten Straßen Dublins allzu offensichtlich. Leider gibt es aber Schwachpunkte. Zwar sind Bildsprache und Dramaturgie exzellent, doch lassen Manierismen im Schauspiel und in der Inszenierung noch die Nähe zu Stummfilm und zur Theaterbühne erkennen. Hinzu kommt eine furchtbar melodramatische Schlusssequenz, deren Pathos nicht gut alterte. Neben Victor McLaglen erhielt John Ford den Oscar als Bester Regisseur, und auch für das beste Drehbuch und die beste Filmmusik wurde das Werk ausgezeichnet. Ins deutsche Kino kam es erst im Juni 1950. Liam O’Flahertys Roman war zuvor von Arthur Robison als Die Nacht nach dem Verrat (UK 1929) verfilmt worden und wurde von Jules Dassin als Black Power (USA 1968) in die Bewegung afroamerikanischer Aktivisten in den USA übertragen.

 

Trotz des Ruhms seines Regisseurs gibt es von der vierfach preisgekrönten RKO-Produktion Der Veräter bis dato (2026) keine offizielle Blu-ray disc. Eine US-amerikanische DVD-R der Warner Archive Collection (2016) bringt das Werk ungekürzt im Originalformat mit dem englischen Ton ohne Untertitel, bild und tontechnisch gut, aber nicht herausragend. Diese Fassung ist auch in der mit 5 Filmen ausgestatteten 5-DVD-Box John Ford Film Collection (2006) von Warner Home Video beinhaltet; als Bonus gibt es das Feature The Informer: Out Of The Fog. In Spanien erschien als El delator eine inoffizielle Blu-ray disc, die das Werk lediglich in der Qualität der DVD-R beinhaltet.

 


 

 

Pre Noir | 1935 | USA | John Ford | Denis O'Dea | Joe Sawyer | Preston Foster | Wallace Ford | Ward Bond

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