Honey Don‘t!



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Eddie Muller


Wenn es Nach wird in Paris


Film Noir Collection Koch Media GmbH


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Bewertung
***
Originaltitel
Honey Don‘t!
Kategorie
Neo Noir
Land
UK/USA
Erscheinungsjahr
2025
Darsteller

Margaret Qualley, Aubrey Plaza, Chris Evans, Lera Abova, Jacnier

Regie
Ethan Coen
Farbe
Farbe
Laufzeit
90 min
Bildformat
Widescreen

 


 

© Universal Pictures

 

In der Umgebung von Bakersfield, Kalifornien: Die Französin Chère (Lera Abova) steigt in sengender Hitze von der Schnellstraße einen Steilhang hinab. Auf dem Grund einer Schlucht liegt ein auf dem Dach liegendes Auto, darin die Leiche der Fahrerin, Mia Novotny (Kara Petersen). Die junge Frau in Leoparden-Leggins, einem Leoparden-BH und knöchelhohen Stiefeln beugt sich ins Seitenfenster und zieht der Toten ungerührt einen Ring vom Finger. Letzterer trägt das Symbol einer christlichen Sekte namens Four-Way-Temple, die in Bakersfield von Reverend Drew Devlin (Chris Evans) geleitet wird. Chère steckt das Schmuckstück in die Schlüsseltasche ihrer Hose, sodann schwimmt sie nackt in dem ruhigen und kühlen Bassin eines nahegelegenen Flusses. Als sie das Wasser verlässt, prüft sie, ob der Ring stets an Ort und Stelle ist, zieht sich an, und setzt sich auf ihren Motorroller, mit dem sie im Sonnenschein in Richtung der Stadt braust… Im Schlafzimmer der Privatdetektivin Honey O’Donahue (Margaret Qualley) klingelt deren Handy, wodurch auch ihre Partnerin der letzten Nacht (Sarah J. Bartholomew), ebenso wie Honey stets nackt, aus dem Schlaf erwacht. Nach einem kurzen Gespräch lässt die Detektivin ihren One-Night-Stand wissen, dass sie bitte die Tür zuziehen solle, wenn sie später gehe. Kurz darauf steigt Honey in hochhackigen Halbschuhen den Abhang zu dem Autowrack hinunter, wo Police Detective Marty Metakawitch (Charlie Day) sie bereits erwartet. Ob sie die Tote kenne, würde er gern wissen…

 

“I bust into a house of god for no reason… It ain't a feather in my cap, it's my ass in a sling.” Die Brüder Joel und Ethan Coen erarbeiteten sich in den 80er und 90er Jahren einen Ruf und wurden seitens der Kulturkritik und seitens ihres Publikums über Jahrzehnte hinweg respektiert. Mit Blood Simple – Eine mörderische Nacht (USA 1984), Miller’s Crossing (USA 1990) und Barton Fink (UK/USA 1991) brachten sie als Autoren und Regisseure einen frischen Wind ins Kino - parallel zu Regisseuren wie David Lynch,  John Dahl oder Abel Ferrara und Jahre, bevor Quentin Tarantino als sogenannter Erneuerer des US-Thrillers dafür die Lorbeeren einstrich. Aber im Gegensatz zu Ferrara und Dahl zeigten sie sich in der Lage, die Qualität ihres Frühwerks zu erhalten und auch im 21. Jahrhundert mit provokanten, von schwarzem Humor gewürzten Produktionen aufzuwarten. Zugegebenermaßen halte ich Werke wie The Big Lebowski (USA 1998) oder No Country For Old Man (USA 2007) für (stark) überschätzt, doch im Vergleich mit Tarantino sind es Filme mit Substanz. Häufig bot den Coen-Brüdern für Geschichten aus eigener Feder der klassische Film Noir die Blaupause, darin sich Privatdetektiv, Femme fatale, Glücksritter und Auftragsmörder die Klinke in die Hand geben. So ist es auch in Ethan Coens im Alleingang verwirklichten Honey Don’t!, dessen Drehbuch er mit seiner Ehefrau Tricia Cooke verfasste, die auch als Produzentin und als Filmeditorin beteiligt ist. Seit 2018 haben die Brüder nur unabhängig voneinander gearbeitet. Ethan Coens Neo Noir um die Privatdetektivin Honey O’Donahue ist der zweite Film in einer (geplanten) Trilogie über je eine lesbische Protagonistin. Unter dem Titel Drive-Away Dolls (UK/USA 2024) hatten Ethan Coen und Tricia Cooke bereits zuvor eine rabenschwarze Kriminalkomödie vorgelegt, ebenfalls mit Margaret Qualley in einer Hauptrolle. In einer bis dahin 40-jährigen Karriere als Autor und Regisseur wurde es für Ethan Coen aber der erste Film, der seitens der Journaille und des Publikums miserable Kritiken bekam. Knapp unterboten wurde solche Resonanz nur von derjenigen für dessen Nachfolger - für Honey Don’t!

 

„Honey Don’t! beweist (…) Mut zum Risiko. Der Film verbindet schwarze Komödie, klas­si­schen Film noir und sozi­al­kri­ti­schen Thriller“, schreibt Rüdiger Suchsland für artechock in einer der wenigen wohlmeinenden und ernsthaft um dessen Geschichte bemühten Rezension des Films. Für mich ist Honey Don’t! keine Komödie, obgleich der Sarkasmus mit Blick auf die Zustände im Kleinbürgertum der USA unübersehbar und unüberhörbar ist. Eine Vermarktung als leichtgewichtiges Kinovergnügen mag v.a. in den USA dazu geführt haben, dass sich Leute von der harten Gewalt, den (für europäische Verhältnisse nicht sonderlich expliziten) Sex- und Nacktszenen und von der beißenden Kritik am rechtsnationalen Konservatismus‘ der Republikaner und dem traditionellen Machismus in den USA überrascht und überfordert sahen. Ja, es steckt ein guter Film in Ethan Coens und Tricia Cookes Honey Don’t! und es wäre schön gewesen, wäre es auch einer geworden. Aber neben all den positiven Aspekten, zu denen noch das Schauspiel der meisten der Beteiligten gehört, gibt es leider auch Negatives. Die zentralen Rollencharaktere sind monströse Egoisten: ihre Coolness wirkt überzogen und abgedroschen, wie es auch in Rose Glasses Love Lies Bleeding (UK/USA 2024), der explizit im Jahr 1989 spielt und den Neo Noir der frühen 90er rekreiert, der Fall ist. Jene hoch stilisierte Gleichgültigkeit und all die ultracoolen Phrasen – man hat derlei in den letzten 35 Jahren einfach zu häufig gesehen und gehört, als dass es in diesem x-ten Aufguss mit seiner Retro-Ästhetik noch frisch und knackig wirkte. Genau in solcher Hinsicht fehlt der Produktion, was ihr Rüdiger Suchsland in anderer berechtigterweise zugesteht - Mut zum Risiko. Flimmert der Abspann über den Bildschirm, bleibt von Honey Don't! leider nicht wirklich viel übrig. 

 

In den USA, Großbritannien und in Australien ist der Film via Universal Pictures als Blu-ray disc (2025) und teils als DVD (2025) erschienen, bild- und tontechnisch exzellent, ungekürzt und im Originalformat, mit der original englischen Tonspur, doch ohne Extras und ohne Untertitel. Während Universal Pictures Ethan Coes Drive-Away Dolls (UK/USA 2024) auch in Deutschland auf BD und DVD veröffentlichte, gibt es von Honey Don’t! hierzulande weder das eine noch das andere.

 


 

Neo Noir | 2025 | USA | Ethan Coen | Ethan Coen | Aubrey Plaza

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