Vollblüter

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Psychologische Verteidigung


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Bewertung
**
Originaltitel
Thoroughbreds
Kategorie
Neo Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
2017
Darsteller

Olivia Cooke, Anya Taylor-Joy, Anton Yelchin, Paul Sparks, Francie Swift

Regie
Cory Finley
Farbe
Farbe
Laufzeit
92 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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© Universal Pictures

In einem Reitstall steht die Highschool-Schülerin Amanda (Olivias Cooke) vor Honeymooner, dem Pferd ihrer Mutter Karen (Kailie Vernoff) und blickt wie erstarrt auf das Tier, bevor sie ihm die Hand auf die Wange legt. Dann holt sie aus einer mitgebrachten Tasche ein Messer… Gemächlich rollt ein SUV die kiebestreute Auffahrt zum prachtvollen Anwesen der Familie Reynolds empor, wo Lily (Anya Taylor-Joy) mit ihrer Mutter Cynthia (Francie Swift) und ihrem Stiefvater Mark (Paul Sparks) in luxuriösen Verhältnissen lebt. Amanda steigt aus, bleibt kurz am Fuß der Treppe zur Haustür empor und der Wagen rollt davon. Auf ihr Klingeln öffnet die Haushaltshilfe (Svetlana Orlova) und lässt sie am Treppenabsatz stehen, um in den oberen Etagen der weiträumigen Villa nach Lily zu suchen. Amanda geht einmal stracks durchs Wohnzimmer und blickt in den weitläufigen, mit Akribie gepflegten Park, der das Anwesen umrahmt, bevor sie anfängt weitere Räume im Erdgeschoss zu inspizieren. Im Arbeitszimmer des Stiefvaters erblickt sie zwei auf dem Schreibtisch stehende Fotografien des Hausherrn - eine mit einem erlegten Löwen bei einer Großwildjagd, die zweite mit einem japanischen Samurai-Schwert in seinen Händen. Als Amanda dieses Schwert über dem Kamin an der Wand entdeckt, rückt sie einen Stuhl heran, steigt hinauf und zieht die Klinge aus der Scheide. Plötzlich steht Lily im Raum, die über Amandas Dreistigkeit offenbar so erstaunt wie verwirrt ist, die Situation jedoch überspielt…

 

Das Spielfilmdebüt des Autors und Regisseurs Cory Finley entpuppt sich als eine Claude-Chabrol-Kopie aus den USA des 21. Jahrhunderts und zwar mit vielen für ein Chabrol-Werk à la Biester (FRA/GER 1995) typischen Merkmalen jenes französischen Meisters des bourgeoisen Thrillers. Nur ist es keine Hausangestellte sondern die Tochter aus steinreichem Haus, die eingangs von ihrer Freundin manipuliert wird und sie dann selbst beeinflusst. Dennoch versucht Finley solche Konstellation als frisch und signifikant fürs 21. Jahrhundert zu verkaufen, aber der Einschätzung vieler US-Kritiker, dass die Figuren Lily und Amanda sich jenseits von Klischees bewegen, kann ich nicht zustimmen: das Gegenteil ist der Fall. Verwöhnt, narzistisch, kapriziös, arrogant und gelangweilt – an Adjektiven zwecks Beschreibung der beiden Teenager an der Schwelle zum Erwachsensein mangelt es nicht. Als Zuschauer hat man solche Ziegen in ihrer großbürgerlichen Komfortzone schnell satt. Vor allem Amanda ist übers gewöhnliche Maß hinaus unsympathisch. Das Drehbuch macht es sich jedoch zu leicht mit ihr. Bei ihrer ersten Begegnung erläutert Amanda der so gebildeten wie distanzierten Lily, das sie nicht wie andere Menschen über eine Gefühlswelt verfüge, darin es Liebe, Freude oder Enttäuschungen gäbe. Sie habe Gefühle immer imitiert, aber jenseits von Hunger und Müdigkeit enmpfände sie nichts. Solche Voraussetzung stilisiert Cory Finley zu einer Darstellung Amandas als intelligent und kalt berechnend. Sie erscheint als manipulatives Neutrum, das durch und durch selbstherrlich ist. Das Fehlen von Emotionen resultiert in einem Charakter, der sich bis in die Haarspitzen durch Überheblichkeit auszeichnet; alle Eigenschaften münden dahin. Aber warum? Soll ich das als Zuschauer ernsthaft für “Psychologie“ halten, so wie der Autor Cory Finley es offensichtlich tut?

 

“This tale of bourgeois malaise and unhinged femininity is cut from too familiar a cloth for it to dazzle as a debut“, bemerkt Tomas Trussow mit kühlem Kopf für The Lonely Film Critic. Einige Szenen sind gelungen, kompetent gespielt und schlüssig. Im Ganzen ist die Darstellung des Lebens der Reichen und Schönen jedoch dermaßen klischeebefrachtet, dass es zum Störfaktor wird. Die Zeichnung der Rollencharaktere jenseits von Lily und Amada beschränkt sich aufs Altbekannte aus der Drehbuchschublade: der herrschsüchtige, gegenüber der Stieftochter kühl arrogante Partner einer an lebenslange Subordination gewöhnten frustrierten Mutter... ja sicher, so kennt man‘s. Das Ganze wirkt, als hätte sich Cory Finley für sein Gesellschatsportrait der Milliardäre in Conneticut eine Episode aus Enid Blytons Kinderbuchserie Die fünf Freunde zur Vorlage genommen. Für jeden, der eine minimale Idee von Konzepten der Ethik in der klassischen Philosophie hat, wird zudem klar, dass Amandas Theorien zur Moral und deren Zuordnung zu vagen Konzepten von “Gut versus Böse“ lauwarme Pseudophilosphie sind. Weil aus der Existenz von Lilys Stiefvater Mark nur Böses entspränge, könne man ihm das Recht zu leben absprechen, argumentiert sie. Wie bitte? Amandas Wikipedia-Wissen und selbstverliebt hochtrabendes Geschwätz wird im mehr und mehr zu einem Ärgernis und damit der Film insgesamt. Was ihm beinahe noch einen dritten Stern eingebracht hätte, ist sein Ende. Damit macht der Autor deutlich, wie die Karten liegen und das rechne ich ihm an. Zu dem Zeitpunkt jedoch war ich von dem Machwerk schon längst zu sehr angeödet.

 

Es gibt eine jeweils technisch exzellente BD- und DVD-Edition (2018) der Universal Pictures Germany GmbH mit dem Film ungekürzt im Originalformat inklusive der original englischen Tonspur und der komplett überflüssigen, holprigen deutschen Kinosynchronisation, zusätzlich Tonspuren auf Spanisch und Französisch, optional mit Untertiteln auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Dänisch, Niederländisch, Finnisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch, Arabisch und Hindi, als Extras gibt es einige geschnittene Szenen, ein Featurette und ein paar Kurzbiografien.

 


Neo Noir | 2017 | USA | Cory Finley | Anton Yelchin | Paul Sparks

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