Edoardo Pesce, Massimo Popolizzio, Chiara Bassermann, Roberta Caronia, Luka Zunic
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In einer Stadt der südlichen Toskana, in der Region Maremma der Provinz Grosseto, sitzen Marco Scola (Alessandro Federico) und seine Frau (Mia Benedetta) an einem Abend im Februar vor dem Fernseher, als ihre Tochter Adele (Mihaela Dorlan) von hinten an das Sofa herantritt und sich verabschiedet. Sie gehe noch aus, lässt sie wissen, und die Eltern widmen sich wieder ihrem Film. Auch Luca Rio (Luka Zunic) macht sich vor dem Spiegel fertig, steckt sich einen Ohrstecker fest und verlässt sein Zimmer. Seine Eltern, der Capitano der hiesigen Polizei Giorgio Rio (Massimo Popolizzio) und seine Frau Antonella (Roberta Caronia), Ärztin im örtlichen Krankenhaus, sitzen gemeinsam beim Abendessen, und Luca erklärt, dass er noch mit Freunden eine Pizza essen wolle. Der Vater ermahnt ihn, um Mitternacht Zuhause zu sein, aber Luca kommentiert seine Anweisung als sichtlich lächerlich… Auf einem Rave in einer leerstehenden Lagerhalle tanzen im Kreis seiner Freunde sowohl Luca als auch Adele inmitten der ekstatischen Menge. Sie kommen sich schließlich näher, küssen sich draußen am Eingang vor dem Feuer auf dem Gestänge einer Gasleitung. Aber noch bevor die Nacht zu Ende geht, wird die junge Frau in den Schacht eines Verließes hinabgeworfen, darin ihre Schreie ungehört verhallen. Und Luca endet hinter den Gitterstäben eines ebenfalls in einem dreckigen Keller gelegenen Kerkers auf kaltem, feuchtem Schlamm. Ihre in schwarze Kutten mit Kapuzen gekleideten Wärter halten Ampullen mit Tritium und Ketamin sowie ein Spritzbesteck bereit, um die Gefangenen, sobald es nottut, damit ruhigzustellen...
"Mad Dog ist ein Paradebeispiel für einen Film, der es trotz eines passablen Drehbuchs nicht schafft, die Geschichte ordentlich umzusetzen“, schreibt Yuliya Mieland für Moviebreak, und so sehe ich es auch. Genaugenommen ist nicht einmal das Drehbuch passabel, sondern eher jene Vorlage, die zugrunde liegt, also der Roman Il confine (EA 2019) des italienischen Autors Giorgio Glaviano. Letzterer wirkte zwar selbst am Drehbuch mit, doch die Erzählung beginnt extrem zerfasert. Wir kriegen Schnipsel und Einzelszenen geliefert, aus denen man sich einen Reim machen soll. Spätestens nach dem ersten Drittel wird klar, wie sehr die Handlung mit Details überfrachtet wird, dahinter die Akteure fast völlig verschwinden, so dass sich trotz des Bemühens um Charakterzeichnungen kein klares Bild ergibt. Im Zentrum steht übrigens ein Leutnant der Polizei, Fabio Meda (Edoardo Pesce), der aufgrund eines etwa 10 Jahre zurück liegenden Ereignisses traumatisiert ist und wegen seiner harten Ermittlungsmethoden und Gewaltausbrüche Mad Dog genannt wird. Der Spitzname ist jedoch grotesk, denn Fabio Meda, das fiel auch Yuliya Mieland sofort auf, ist im Grunde nur ein armer Kerl, der sich in Anbetracht seiner Heimsuchungen nicht zu helfen weiß. Edoardo Pesces Darstellung konnte mich keine Minute davon überzeugen, dass dieser Typ (trotz Lederjacke und Tätowierungen) ein beinharter Bulle sei. Als Detektiv mit einer dunklen Vergangenheit, das gilt auch für seinen Vorgesetzten, Capitano Giorgio Rio, ist er allemal ein für den Film Noir bzw. den Neo Noir exemplarischer Charakter. Aber nicht zuletzt die Inszenierung durch Regisseur Vincenzo Alfieri verhindert, dass einige der gelungenen, teils sogar wertigen Bausteine der Handlung zu deren Steigerung beitragen. Zu oft versumpft die Geschichte bis zum Hals in hanebüchenen Klischees, die kaum noch erträglich sind.
Da gibt es die alleinerziehende ex-Prostituierte Nevena Yerbis (Chiara Bassermann) aus Bulgarien, deren kaum volljährige Tochter Irina (Valentina Oteri) mit der Betreiberin eines Tattoo-Studios einen Drogenhandel betreibt. Die Mutter gab die Prostitution mit 15 Jahren (!) auf, putzt heute Toiletten und lebt mit Irina in einem Haus, dass ihr ein alleinstehender Universitätsprofessor vermachte… Wer hier schon die Hände überm Kopf zusammenschlägt, sollte von Ai confini del male von vornherein die Finger lassen. Obgleich Inhalt und Atmosphäre deutlich vom Nordic Noir des frühen 21. Jahrhunderts gekennzeichnet sind, reiht sich bis ins Finale vieles aneinander, was völlig unglaubwürdig wirkt. Der Originaltitel heißt übersetzt Die Grenze zum Bösen, nur international wurde das Werk in Mad Dog umgetauft - im Kino lief es in Deutschland allerdings nie. Mir persönlich fiel auf, dass ein zentraler Aspekt des Finales nahezu eins zu eins aus John Reinhardts Film Noir High Tide (USA 1947) übernommen wurde: mehr kann ich hier nicht verraten. Insofern er aber ein Beispiel eines Neo Noirs aus Italien ist, hätte ich mir gewünscht, dass Ai confini del male ein besserer Film geworden wäre - so gut wie Sergio Rubinis La bionda (ITA 1993), Paolo Sorentinos The Consequence Of Love (ITA 2004) oder Gabriele Salvatores Quo Vadis, Baby? (ITA 2005). Ich bin davon überzeugt, dass in der Geschichte selbst ein solcher Film steckte. Leider blieb es einer, der nie gedreht wurde. Daran kann die allzu plakativ eingesetzte Popmusik von CCR, Gavin Friday oder The Cure auch nichts ändern.
Via Meteor Film GmbH lässt sich als Mad Dog - Am Abgrund des Bösen auf eine gut editierte deutsche BD- oder DVD-Ausgabe (2022) mit dem Film ungekürzt im Originalformat zugreifen, bild- und tontechnisch exzellent. Dazu gibt es die original italienische Tonspur und eine (unfassbar schlechte) deutsche Synchronisation sowie optional Untertitel auf Deutsch. Extras sind keine beinhaltet. Der Klappentext gibt mehrere Details der Geschichte preis, die erst im Handlungsverlauf aufgedeckt werden. Und der Hinweis, der Film basiere auf dem „Bestseller „Die Grenze“ von Giorgio Glaviano“ suggeriert einen Verkaufserfolg auch in Deutschland. Dabei ist der Roman hierzulande nie erschienen und die Nennung seines deutschen Titels lediglich eine wörtliche Übersetzung.











