Henker saß am Tisch, Der



Psychologische Verteidigung


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Eddie Muller


Wenn es Nach wird in Paris


Film Noir Collection Koch Media GmbH


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Bewertung
***
Originaltitel
711 Ocean Drive
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1950
Darsteller

Edmond O’Brien, Joanne Dru, Barry Kelley, Otto Kruger, Dorothy Parker

Regie
Joseph M. Newman
Farbe
s/w
Laufzeit
102 min
Bildformat
Vollbild

 


 

© Columbia Pictures Corporation

Los Angeles, Kalifornien: Im Hauptquartier des LAPD in der Los Angeles City Hall klingelt das Telefon und schon stürmen Police Detective Carter (Jay Barney) und Police Lieutenant Pete Wright (Howard St. John) aus einer Glastür mit der Aufschrift Gangster Squad. Minuten später rasen die Beamten in ihrem 1949er Ford auf der North Spring Street in Richtung Flughafen, wo sie um 14:30 Uhr Ortszeit ein Flugzeug nach Las Vegas besteigen werden. Sie sind dem flüchtigen Boss eines illegalen Glücksspielsyndikats namens Mal Granger (Edmond O’Brien) auf der Spur, den Wright des Mordes zu überführen und anzuklagen hofft. Carter will wissen, was diese Granger für ein Typ sei, und Wright berichtet, dass er einst als Techniker für Telekommunikation bei einer großen Firma angestellt gewesen sei… Damals war Mal Granger in seinen frühen 30ern, ein Mann mit Herz, der einem Kollegen seine letzten 20 US-Dollar lieh, damit jener seine kinderreiche Familie durchbringen könne. Granger hatte sich aufgrund des Hungerlohns, den er mit ehrlicher Arbeit verdiente, nie für eine Ehe und Kinder entscheiden können. Beim Buchmacher Chippie Evans (Sammy White) setzte er sein sauer verdientes Geld mit Pferdewetten aufs Spiel. Chippie erschien meist während der Mittagspause in den Waschräumen der Telefongesellschaft und nahm von vielen Technikern deren Einsätze in bar entgegen. Eines Tages eröffnete er Mal Granger, dass jener mit seiner Expertise deutlich mehr Geld verdienen könne, wenn er es schlau anstelle…

 

“I don’t see how you do it. Take care of a wife and a couple of kids on our dough. I can’t even handle myself on that chicken feed.“ In der Eingangssequenz bekommt das Publikum mit, dass man in den USA auch jenseits der 30 und mit einer hochstehenden Ausbildung für einen Dumpinglohn arbeitet. Mal Granger ist Telefontechniker, ein As auf dem Fachgebiet, aber von seinem Einkommen kann er selbst kaum überleben. Trotzdem leiht er einem Kollegen, der seine Familie ernähren muss und dessen Tochter krank ist, noch 20 US-Dollar, damit jener über die Runden kommt. Im Abspann hingegen predigt ein Sprecher, dass schon 2 US-Dollar, die man bei einem Buchmacher für eine Wette einsetze, als ein krimineller Akt die US-amerikanische Wirtschaft unterminierten: “Corrupting politicians, buying protection, fostering crime – all with your two dollars!“ Ein Film auf Kollisionskurs mit den USA der McCarthy-Ära und mit dem United States Senate Special Committee to Investigate Crime in Interstate Commerce wird auf Linie getrimmt. Bereits im Vorspann weist eine Schrifttafel darauf hin, dass die Dreharbeiten einzig unter Polizeischutz durchgeführt werden konnten, weil das organisierte Verbrechen Crew und Darsteller bedroht habe, die mit diesem Film die Machenschaften der Gangster preisgaben. In einem Werbetrailer lässt sich sogar Hauptdarsteller Edmond O' Brien dazu herab, dieses Märchen bierernst als Lockmittel für Der Henker saß am Tisch zu verbreiten. Man setzte folglich alles daran, die Einsicht des keinesfalls naiven Telefontechnikers Mal Granger, dass er nämlich systematisch ausgebeutet werde, vergessen zum machen. Stattdessen werden die mächtigen Verbrechersyndikate hinter der Fassade landesweit operierender Firmen zu Staatsfeinden deklariert. Das kommt Ihnen bekannt vor? Natürlich! In der McCarthy-Ära verwandelte sich der sozialkritische Film Noir der 40er gezielt in den Gangsterfilm der 30er Jahre zurück.

 

© Columbia Pictures Corporation

"Despite some considerable advertising of 711 Ocean Drive as a daring and courageous revelation of the big bookmaking and gambling syndicates, this modest Columbia melodrama (….) is no more than an average crime picture”, schrieb Bosley Crowther aus Anlass der Premiere für die New York Times, und das gilt bis heute. Der Henker saß am Tisch, ein ebenso sinnloser Filmtitel wie die Postanschrift des Originals, ist eine jener Aufstieg-und-Fall-Geschichten, wie sie für den Gangsterfilm der 30er Jahre symptomatisch waren, nur dass sie 20 Jahre zuvor frisch, provokant und nicht ohne Finesse umgesetzt wurden. Edmond O’Brien präsentiert sich als Hauptdarsteller engagiert und kompetent, aber an die Gangster in der Verkörperung durch James Cagney, Edward G. Robinson oder Paul Muni reicht sein Mal Granger, ein empathieloser und geldgieriger Kleinbürger, nicht ansatzweise heran. Auch Joanne Dru und ihre Gangsterbraut aus gutem Haus ist für mich kein Highlight. Einne von Dorothy Parker verkörperte Kriminelle Trudy Maxwell ist der um Längen pfiffigere unter interessantere Rollencharakter. Das einzige echte Qualität des Films ist die grandiose Kameraarbeit Flanz Planers (Gewagtes Alibi, USA 1949) aus Österreich, der 1937 in die USA auswanderte. Denn auch Joseph M. Newman war und blieb ein Regisseur ohne eigene Handschrift - für mich neben John Farrow (Die Nacht hat tausend Augen, USA 1948) und Peter Godfrey (Cry Wolf, USA 1947) in der Ära des klassischen Film Noirs einer der schwächsten Herren auf dem Regiestuhl. Der Henker saß am Tisch ist letztlich kein furchtbar schlechter Film. Er bietet allerdings fast nichts, weshalb ich ihn empfehlen würde.

 

Unterm Originaltitel 711 Ocean Drive gibt es via Powerhouse Films Ltd. in der Indicator Series eine englische Blu-ray-disc (2022) mit dem Film ungekürzt im Originalformat, bild- und tontechnisch topp, dazu den original englischen Ton inkl. englischer Untertitel. Als Extras finden sich ein Audiokommentar von Filmkritiker Glenn Kenny, Joseph M. Newmans Dokumentation Diary Of A Sergeant (USA 1945) und der US-Kinotrailer. Ebenfalls in der Indicator Series (UK) ist der Film Teil der auf 6000 Exemplare limitierten 6-Blu-ray-Box (2021) Columbia Noir #2, wo die genannten Extras beinhaltet sind, zudem ein 120-seitiges Booklet mit Filmessays und -fotos beigefügt wurde. In den USA wurde der Film in der Reihe Sony Screen Classics By Request als DVD-R (2010) von außergewöhnlicher Ton- und Bildqualität (ohne) Extras veröffentlicht.

 


 

Film Noir | 1950 | USA | Joseph M. Newman | Franz Planer | Barry Kelley | Bert Freed | Edmond O'Brien | Howard St. John | Otto Kruger | Robert Osterloh | Cleo Moore

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