Shiner

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Bewertung
***
Originaltitel
Shiner
Kategorie
Neo Noir
Land
UK
Erscheinungsjahr
2000
Darsteller

Michael Caine, Martin Landau, Frances Barber, Frank Harper, Andy Serkis

Regie
John Irvin
Farbe
Farbe
Laufzeit
99 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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London, England, im Februar: Auf einer Brücke über die Themse wird Box-Promoter Billy “Shiner“ Simpson (Michael Caine) von seinen Bodyguards und Herren fürs Grobe,  Jeff “Stoney“ Stone (Frank Harper) und Mel (Andy Serkis), zum Austragungsstätte des heutigen Kampfes kutschiert. Indessen Stoney und Mel über die beste Strecke und das Vermeiden eines Staus streiten, muss Billy im Fond des Wagens telefonieren und zeigt sich ungehalten. Er braucht für sich und Freunde am Abend eine Stretch-Limousine und lässt den Autoverleih am Telefon wissen, wie sie ihm und seinen Wünschen am besten gerecht werden. Denn heute kämpft sein eigener Sohn Eddie (Matthew Marsden) in einem hoch dotierten Kampf gegen den aus New York, USA, eingeflogenen Champion Mickey Peck (Derrick Harmon), der unter Leitung seines Managers (Frank Spedding) sich dieser Herausforderung stellen wird. Als sie eine Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung fahren, kommt ihnen ein Kleinwagen entgegen, doch Stoney und Mel hören dessen erbostem Fahrer nicht mal zu. Stattdessen kippen sie den Renault Clio auf die Seite, so dass Billy “Shiner“ Simpson ohne Verzögerung zur Arena in Tower Hamlets, im Osten Londons, weiterfahren kann… Vor Ort treffen sie als erstes auf Mr. Fleming (Malcolm Tierney) vom British Boxing Board of Control, der “Shiner“ Simpson nicht ausstehen kann und aus seiner Abneigung erneut kein Geheimnis macht. Aber Simpson sucht vor allem Gibson (Kenneth Cranham), seine langjährige rechte Hand…

 

John Irvins im Millieu des Boxsports angesiedelter, streckenweise brutaler Thriller taucht in einigen Listen und auch in der Sekundärliteratur zum Neo Noir auf, ohne allerdings dezidiert besprochen zu werden, und das hat seinen Grund. Der mit Michael Caine und Martin Landau hochkarätig besetzte Neo Noir zeigt einmal mehr eine herausragende Leistung seitens des Hauptdarstellers Caine, der sich nicht lange bitten lässt und in der Verkörperung des selbstherrlichen, materialistischen und skrupellos egzentrischen Billy “Shiner“ Simpson ganz und gar aufgeht. Shiner wird so zu einem jener Filme, dessen Zuschauer sich nicht mal vorstellen könnten, dass die Figur von jemand anderem hätte dargestellt werden können. Michael Caine und Billy Simpson sind eins, und Caine steht vollends im Zentrum des Films, dessen Titel der Spitzname seiner Figur ist. Und damit wird das Problem deutlich… So ist Billy Simpson definitiv eine klassische Film-Noir-Figur, deren Scheitern nirgendwo sonst als in ihm selbst begründet liegt. Wie Dixon Steele (Humphrey Bogart) in Nicholas Rays Ein einsamer Ort (USA 1950), wie Nick Robey (John Garfield) in John Berrys Steckbrief 7-73 (USA 1951) oder wie J.J. Hunsecker (Burt Lancaster) in Alexander Mackendricks Dein Schicksal in meiner Hand (USA 1957) leugnet Billy Simpson konsequent all die Tatsachen, die er selbst geschaffen hat. Noch während er sich selbst und seine Familie finanziell ruiniert und seinen eigenen Sohn in den Tod treibt, glaubt der skrupellose und illoyale Mann an eine Verschwörung wider ihn, daran Freund und Feind gleichermaßen beteiligt seien. Mit der Waffe in der Hand begibt er sich auf einen Rachefeldzug, der schließlich zu niemand anderen als zu ihm selbst führen muss. Das klingt nach reichlich Potential. Aber leider löst weder der Drehbuchautor Scott Cherry noch der Regisseur John Irvin solches Versprechen ein. Der Hauptgrund dafür liegt in der Tatsache, dass Billy “Shiner“ Simpson ein solcher Dreckskerl ist und auch bleibt, dass den Zuschauer sein Untergang weder stört noch sonderlich interessiert.

 

“Feel as bitter as you like, Billy. I still think the best thing I’ve done for boxing is to keep you out.” Sogar Martin Landau, der sich als jener wunderbare Akteur zeigt, der er immer schon war, kann dem Film nicht das Leben einhauchen, dessen er bedürfte. Auch von den Figuren rings um Simpson oder von denen wider ihn findet sich außer seiner Tochter Ruth (Claire Rushbrook) keine, an der dem Zuschauer das mindeste gelegen sein könnte. Shiner ist eine exzellente Charakter- und Milieustudie, soviel ist sicher. Als Thriller funktioniert er nur passagenweise und erweist sich zu sehr von Klischees durchweicht, um sich aus dem Sumpf der Mittelmäßigkeit zu stemmen, darin er feststeckt. Michael Caine war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 66 Jahre alt, Martin Landau gar 72. Im gleichen Jahr hatte Caine einen Cameo-Auftritt in Stephen Kays US-Remake von Mike Hodges‘ Jack rechnet ab (UK 1972), jener Initialzündung des britischen Neo Noirs mit Caine in der Hauptrolle, die als Get Carter – Die Wahrheit tut weh (USA 2000) weltweit floppte, auch wegen eines nicht ansatzweise überzeugenden Sylvester Stallones in der Hauptrolle. Michael Caine hingegen kehrte mit 76 Jahren für Harry Brown (UK 2009) nochmals zur Rolle des einsamen Rächers zurück und zeigte als gleichnamiger Pensionär, was noch immer in ihm steckte. Shiner ist eine Randnotiz seiner umfangreichen Filmografie, keine vollends schlechte, aber weit entfernt von Werken, die eben nicht einzig und allein wegen Beteiligung Michael Caines sehenswert wären.

 

Eine deutsche DVD (2003) der M.I.B. (Medienvertrieb in Buchholz) bringt den Film als Shiner – Jenseits von Gut und Böse ungekürzt mit der original englischen Tonspur (ein Muss!) und mit der deutschen Synchronisation ohne Untertitel und ohne Extras, aber im falschen Bildformat, nämlich Vollbild 4:3 (1.33:1) und nicht Widescreen 16:9 (2.35:1), was das einzig korrekte Format ist. Man sollte also auf die englische DVD (2001) von Momentum Pictures zugreifen, ebenfalls ungekürzt, aber im Originalformat und zusätzlich zur englischen Tonspur mit englischen Untertiteln versehen.

 


Neo Noir | 2000 | UK | John Irvin | Danny Webb | Kenneth Cranham | Martin Landau | Michael Caine

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