Distinto amanecer

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Bewertung
*****
Originaltitel
Distinto amanecer
Kategorie
Film Noir
Land
MEX
Erscheinungsjahr
1943
Darsteller

Pedro Armendáriz, Andrea Palma, Alberto Galán, Narciso Busquets, Beatriz Ramos

Regie
Julio Bracho
Farbe
s/w
Laufzeit
107 min
Bildformat
Vollbild

 


 

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Mexiko-Stadt: In der Hauptpost steckt ein Mann einen Briefumschlag in das Schließfach 1540. Kurz darauf informiert die Abendausgabe der Tageszeitung Ultimas Noticias die Bevölkerung darüber, dass der führende Gewerkschaftsvertreter Armando Ruelas genau dort, in der Poststelle, von Unbekannten ermordet worden sei. Bei Anbruch der Dunkelheit ist sein Kollege Octavio (Pedro Armendáriz) auf der Flucht, nachdem jener feststellen musste, dass sich ein Unbekannter (Octavio Martínez) mit Hut und Sonnenbrille an seine Fersen heftete. Ocatvio bemüht sich seinen Verfolger abzuschütteln und hofft, dass ihm dies in dem Zwielicht eines Kinos gelingen möge, wo gerade eine Komödie gezeigt wird. Er setzt sich neben eine Frau (Andrea Palma), die sich eine Zigarette anzünden möchte, aber Octavio bläst ihr aus Angst vor Entdeckung das Streichholz aus. Er weist darauf hin, dass sie dem Rauchverbot Folge leisten möge, aber sie zündet ihre Zigarette trotzdem an und zeigt ihm eine Werbetafel auf der anderen Seite, die explizit zum Rauchen auffordert. Als sie sich erhebt und den Saal verlässt, folgt ihr kurz darauf Octavio, der aber am Ausgang erkennen muss, dass sich auch sein Verfolger im saal befindet. Er schwenkt nach links und betritt die Damentoilette, wo ihn die Frau aus dem Kinosaal darauf anspricht, dass er hier falsch sei. In dem Augenblick erkennt er in ihr seine Freundin Julieta aus den Tagen an der Universität, die ihren gemeinsamen Freund, den Schriftsteller Ignacio Elizalde (Alberto Galán) heiratete…

 

Nur selten sieht man einen klassischen Film, dessen Entstehung von der Gegenwart des Zuschauers Jahrzehnte entfernt liegt, der jedoch dieser Gegenwart wie benachbart scheint. Oder anders ausgedrückt: Distinto amanecer wirkt verblüffend zeitgemäß oder eben auch zeitlos relevant. Die von politischen Idealen, von materiellen Nöten und von Liebe und Verantwortung beseelten und getriebenen Rollencharaktere jenes zentralen Trios – Julieta, Octavio und Ignazio – erweisen sich als nuanciert und ausdrucksstark. Ob sensibel oder brutal, ob poetisch oder desillusioniert, ob zärtlich oder hoffnungslos – in der Nacht dieses Films, die mit dem Tagesanbruch seines Titels (Distinto amanecer heißt sinngemäß Ein veränderter Morgen) und mit der Abfahrt eines Zuges endet, spielt sein Autor und Regisseur Julio Bracho die komplette Klaviatur der Emotionen einmal durch. Das mag bei einem mexikanischen Klassiker nicht überraschen: In den Filmdramen des mittelamerikanischen Landes geht es oft und gern temperamentvoll zu. Aber Julio Brachos Werk zeigt sich in keiner einzigen Sequenz prätentiös oder nur mal übertrieben, im Gegenteil! Die Figuren geben sich bis in kleine Gesten und mimische Besonderheiten glaubwürdig austariert und die Darsteller entwickeln in ihrem Zusammenspiel eine wunderbare Chemie. Wenn Julieta und Otavia im Nachtclub Tabu im Tanz einander umkreisen und mit Blicken umschlingen, ist Brachos Filmerzählung nach dem Theaterstück La vida conyugal (EA 1943) des aus Frankreich stammenden und dann aus dem faschistischen Spanien nach Mexiko emigrierten Max Aub ganz im Stadium cineastischer Magie angelangt. Besser geht es nicht.

 

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Es ist sicher auch dem durch zwei Weltkriege und den spanischen Bürgerkrieg gezeichneten und heimgesuchten spanischen Dramatiker und Schriftsteller Max Aub zu verdanken, dass Brachos Film bis heute nichts von seiner Brisanz verloren hat. Andrea Palma war die Schwester des Regisseurs Julio Bracho, eine Cousine der legendären Dolores del Rio (Palast der Sünde / Die Andere, MEX 1946) und hatte ihren Durchbruch durch die Hauptrolle in dem mexikanschen Klassiker La mujer del porto (Mex 1934). Dass sie beizeiten Marlene Dietrich erinnert, ist kein Zufall, denn sie war selbst mit der Diva aus Deutschland bekannt, nachdem sich diese ab 1930 wiederholt in den USA aufgehalten hatte. Besonderer Erwähnung und für die Filmsprache von Distinto amanecer von großer Relevanz ist aber auch der legendäre, vielfach ausgezeichnete mexikanische Kameramann Gabriel Figueroa (Bezahlte Nächte, Mex 1949), der zwischen 1950 und 1965 zahlreiche Filme von Luis Buñuel zu veredeln half. Julio Brachos ebenso dunkler wie zutiefst romantischer Film Noir Distinto amanecer kam in den letzten Jahren sowohl in Mexiko als auch in den USA in restaurierter Fassung wiederholt auf Filmfestivals zur Aufführung, unter anderem auch im Januar 2020 bei NOIR CITY in San Francisco, Kalifornien. Seine Wiederentdeckung in Europa steht allerdings noch aus, zumal der Film auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs international kaum beachtet wurde.

 

Es gibt eine mexikanische DVD-Edition (2012) der Televisa Home Entertainment in Kopperation mit der Pantalla Producciones Internacionales S.A. mit dem Film ungekürzt im Originalformart, bild und tontechnisch solide, allerdings nicht brillant, das Ganze mit der original spanischen Tonspur ohne jegliche Untertitel. Diese inzwischen vergriffene Edition war und ist in Deutschland nicht erhältlich.

 


 

Film Noir | 1943 | International | Julio Bracho | Gabriel Figueroa | Andrea Palma

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