Cities Of Last Things

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Bewertung
*****
Originaltitel
Cities Of Last Things
Kategorie
Neo Noir
Land
TPE/CHN/FRA/USA
Erscheinungsjahr
2018
Darsteller

Jack Kao, Hong Chi Lee, Louise Grinberg, Ding Ning, Huang Lu

Regie
Wi Ding Ho
Farbe
Farbe
Laufzeit
106 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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In der taiwanesischen Großstadt Taipei der nahen Zukunft: Ein Selbstmörder springt vom Dach eines Hochauses und landet auf dem Vorplatz, wo eine Drohne herbeifliegt und den Tod des Mannes feststellt. Der ex-Polizist Zhang Dong Ling (Jack Kao) praktiziert in seiner Wohnung Hanteltraining, bis er die vorgeschriebene Leistung erbracht hat... Rings um den Toten hat sich indessen eine Anzahl Schaulustiger versammelt, vornehmlich Senioren. Ein Team von Reinigungskräften in Overalls ist bemüht, die Leiche schnell abzutransportieren. Als Zhang des Weges kommt, wird er von einem jungen Uniformierten angesprochen, ob er nicht mitmachen wolle, doch der 60-jährige schiebt ihn wortlos auf die Seite und geht seines Weges… In einer nahegelegenen Halle nimmt Yu Fang (Linda Jui-Chi Liu), Zhang Dong Lings Ehefrau, mit ihrem Tanzpartner (Eric Tu) an einem Wettbewerb teil. Vor Publikum tanzen die beiden einige Figuren, die offensichtlich erotischen Charakters sind, als Zhang hereinstürmt und Yu Fangs Partner mit der Faust ins Gesicht schlägt. Sofort wird der Störenfried des Saales verwiesen, und einer der Ordner weist Zhang darauf hin, dass er ihn dem Komitee melden werde. Im Stadtbus durchforstet Zhang am Monitor die Tagesnachrichten und stößt auf eine Meldung, dass Minister Shi Zhi Wei (Chin Hang-Chi) aktuell eine Konferenz zur Sozialpolitik absagen musste, weil er im Stadtkrankenhaus behandelt werde. Am Wenchuang-Park steigt Zhang aus und begibt sich auf den Weg in das Rotlichtviertel…

 

„Wer sich (…) einlässt auf diesen seltsamen und bedrückenden Film, wird reich belohnt, inhaltlich wie visuell“, schreibt Oliver Armknecht für film-rezensionen.de, und ich kann von Herzen zustimmen. Das Werk ist in drei je etwa 35-minütige Episoden Episoden unterteilt, die zusammen das Leben des Waisenjungen, des Polizeibeamten und des Pensionärs Zhang Dong Ling erzählen oder zumindest dessen große Schicksalsschläge wiedergeben. In der Chronologie bewegt sich der aus Malaysia stammende Autor und Regisseur Wi Ding Ho in seinem fünften Spielfilm von der Zukunft aus in die Vergangenheit. So wie etwa Christopher Nolans Memento (USA 2000) beginnt der Film mit seinem letzten Kapitel, um von dort aus die Zusammenhänge und Ursprünge der erst einmal konfusen Taten und der Familienbande seines zentralen Charakters zu erläutern. Der 60-jährige erscheint uns wenig sympathisch, ein impulsiver und hoch aggressiver Mann, der den Tanzpartner seiner Ehefrau schlägt und daraufhin selbst im Rotlichtviertel die Dienste einer Prostituierten (Louise Grinberg) in Anspruch nimmt, die ihn an eine Bekanntschaft seiner Vergangenheit erinnert… Solche Vergangenheit aber ist der Schlüssel zu allem. Sie prägte seinen Charakter, sie bestimmt sein Leben und sie treibt ihn darüber hinaus. Ja, Cities Of Last Things ist ein bedrückender Neo Noir, dessen Anti-Held versucht das Richtige zu tun und stets Enttäuschungen und vor allem Verlust erlebt und verwinden muss. Zhang Dong Ling ist der Inbegriff eines Außenseiters und für so einen ist in der taiwanesischen Gesellschaft, so scheint es, von vornherein kaum ein Platz zu finden, schon gar nicht in der Zukunft. Mit einer vierten und letzten Episode, die als Schlusssequenz aus einer einzigen Einstellung besteht, krönt Wi Ding Ho sein elementares Drama menschlichen Lebens und verleiht ihm eine konsequent bittere Note. Zuletzt ist Cities Of Last Things nicht nur ein Film über einen Einzelnen sondern eine Abrechnung mit Konstruktionen gesellschaftlicher Normung, von der Erziehung des Kindes bis zur Verwaltung des Todes.

 

Die Süße der letzten Einstellung, darin wir den Protagonisten für einen Moment als Kind erleben, multipliziert die Bitterkeit des Einzelschicksals, das der Zuschauer zu sehen bekam, und transferiert es auf die Bühne der gesellschaftlichen Zwänge. Vom Punkt des Endes dieses Filmerlebens hätte alles anders verlaufen können. Aber wir kennen den Lauf der Dinge bereits. Und womöglich ist es nicht nur Zhang Dong Ling, sondern sind wir es, die Zuschauer, denen seine Tante im Spiel wie zum Abschied zuwinkt, denn für uns ist der Film damit vorbei. Das Spiel ist von Anbeginn nur scheinbar eines, die Wirklichkeit hat es längst im Würgegriff. Das allwissende Auge der Zukunftsdrohne, es hat uns schon erspäht… Cities Of Last Things ist ein grandioser Neo Noir, wie er dieser Tage in Hollywood oder in den allseits bekannten Stätten europäischer Filmproduktion kaum möglich scheint. Ich war zu Beginn des Films verwirrt und brauchte einige Zeit, um mich einzufinden. Zudem vermittelte mir die spröde und lakonische Erzählung nicht den Eindruck, einem Meisterstück zu fogen. Erst in der zweiten Hälfte, als sich die Puzzlestücke langsam und sicher zu formieren begannen, spürte ich die Lust, mich der Herausforderung zu stellen, die Wi Ding Ho für seine Zuschauer von Anbeginn im Sinn hat. Fazit: Großartiges Kino. Unbedingt ansehen!

 

Der Film hatte seine Premiere im September 2018 auf dem Toronto International Film Festival in Kanada und lief seither in Frankreich, Taiwan und Singapur auch im Kino. In Deutschland ist er seit Juli 2019 via Netflix online abrufbar, ungekürzt im Originalformat, mit der originalen Tonspur (Chinesisch, Englisch, Französisch) und inklusive deutscher Untertitel. Eine BD- oder DVD-Edition scheint aktuell weltweit nirgendwo in Planung.

 


Neo Noir | 2018 | International | Wi Ding Ho | Jack Kao | Louise Grinberg

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