Joaquin Phoenix, Lady Gaga, Brendan Gleeson, Catherine Keener, Zazie Beetz
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© Warner Bros.
In einem Cartoon der Looney Tunes namens Me And My Shadow steigt der “Joker“ vor dem Franklin Theater in Gotham City aus einer Stretch-Limousine und stolziert über den roten Teppich ins Innere, wo heute Abend seine Show stattfinden wird. Aber sein Schatten bereitet ihm Probleme, jener führt ein Eigenleben. Noch in der Garderobe übernimmt der Schatten die Rolle seines Herrn, den er im Schrank einsperrt. Auf dem Weg zur Bühne belästigt und verprügelt er Leute, dann singt er vor Publikum What The World Needs Now Is Love, als der wahre Joker ohne roten Anzug in Unterwäsche auf die Bühne kommt, seinen Schatten zu bezwingen trachtet. Polizisten mit Schlagstöcken erscheinen, der Schatten verwächst wieder mit seinem Eigentümer, und die Beamten prügeln mit Macht auf den Joker ein… Im psychiatrischen Maßregelvollzug, in Gotham Citys Arkham Asylum, geht morgens im Gang das Neonlicht an. Die Gefangenen müssen mit ihren Nachttöpfen heraustreten, um sie unter Aufsicht des Wärters Jackie Sullivan (Brendan Gleeson) und seiner Kollegen in verdreckte Waschbecken zu leeren. Unter ihnen ist Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), der als “Joker“ fünf Menschen ermordete und jetzt auf seinen Prozess wartet. Durch die vergitterte Scheibe der Zelle kann Arthur, indessen er sich anzieht, sehen, dass es über der Stadt aus dem Grau des Himmels regnet. Jackie und ein Kollege (John Lacy) mahnen ihn zur Eile, schließlich habe er heute mit seiner Pflichtverteidigerin Maryanne Stewart (Catherine Keeler) einen Termin…
“This is a gritty neo-noir drama wearing the mask of a comic book franchise. This shouldn’t be shocking to anyone that has seen the first movie”, schreibt fenrisfil für Screen Wolf und trifft im folgenden mit einer Rezension, die bewusst den Unfug, der über solchen Film in Umlauf gebracht wurde, ausräumen will, den Nagel auf den Kopf. Denn es ist der am meisten missverstandene und zu Unrecht gehasste Film des Jahrzehnts, wie fenrisfil hervorhebt. All jene, die nach der Schlusssequenz des ersten Teils, darin Arthur Fleck endgültig in die von ihm selbst entwickelte, zweite Persönlichkeit namens “Joker“ verwandelt schien, vom Sequel Joker: Folie à Deux so etwas wie David Finchers Fight Club (USA/GER 1999) erwarteten, - der Underdog nimmt erfolgreich blutige Rache – mussten selbstredend enttäuscht sein, denn sie bekommen von Todd Phillips ein Werk, das eher an David Lynchs Der Elefantenmensch (USA/UK 1980) denken lässt. Im Gefängnis ist der seit seiner Kindheit von Familie und Gesellschaft misshandelte und verstoßene Arthur Fleck nun wieder der gebrochene, einsame Niemand, als der er sich selbst und seine Mitmenschen ihn immer schon wahrnahmen. Er ist ein Außenseiter, über den man sich amüsiert, wie es Jackie und andere Gefängniswärter tun. Der Joker ist in die Untiefen von Flecks Innerstem zurückgekehrt, und genau das will seine Rechtsanwältin Maryanne Stewart Gotham City im anstehenden Prozess beweisen. Aber die Stadtregierung und ihre Staatsanwaltschaft wollen an Arthur Fleck, dessen "Joker" bei den Außenseitern in der Bevölkerung einen Kultstatus als revolutionärer Antiheld, als ein Rächer in eigener Sache genießt, ein Exempel statuieren. Sie verlangen die Todesstrafe. Als Arthur sich in der Gesangsstunde des Arkham Asylums in die dem Joker verfallene Lee Quinzel (Lady Gaga) verliebt, ändert sich plötzlich alles… Lange Rede, kurzer Sinn: Todd Phillips‘ Sequel zu seinem Erfolgsfilm Joker (USA/CAN/AUS 2019) entpuppt sich als Quintessenz eines Neo Noirs. Das ist kein Rachethriller. Es ist ein zutiefst berührendes Drama. Mehr noch: Joker: Folie à Deux erweist sich, was ich in keiner Weise erwartete, als Meisterwerk und als der bis dato beste Neo Noir der 20er Jahre des 21. Jahrhunderts.
“I never saw that side of you.” – “Well, maybe you weren't looking. Maybe no one was. Because nobody knew I existed.” Arthur Fleck ist ein Antiheld. Er fällt nicht in solche Kategorie, weil er erfolgreich wider das Establishment und deren Mechanismen der Unterdrückung agiert, also quasi zum Helden aller Außenseiter und Habenichtse wird - ein skrupelloser, mörderischer Robin Hood, aber doch ein gefallener Engel im Dienst der Geknechteten. Arthur Fleck ist ein Antiheld, weil er die Antithese jedweder Heldengestalt ist. Und wie grotesk ist, dass all diejenigen, die seinem Alter Ego “Joker“ als dem entfesselten Psychopathen nicht nur auf den Straßen Gotham Citys sondern auch im Kinosaal zujubelten, sich von dieser traurigen und tragischen Gestalt mit gehässigen Kommentaren abwenden - im Film und im Kinosaal. Wie grotesk und wie verräterisch. Ist das Kinopublikum wirklich zu dumm, um in Joker: Folie à Deux die Meisterschaft des Autorenteams Scott Silvers und Todd Phillips zu erkennen? Oder ist es die Trägheit zeitgenössischer Zuschauer, deren Aufmerksamkeitsspanne für einen Kinofilm so kurz ist, dass sie minütlich mit Action gefüttert werden müssen, da sie ansonsten nur aufs Display ihrer Smartphones glotzen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Joaquin Phoenix einmal mehr über sich hinauswächst, dass Silver und Phillips ein abgrundtiefes Drama punktgenau und ohne eine Minute Laufzeit zu viel auf die Leinwand bringen. Und ich weiß, dass dieses Werk sicher keines für jedermann ist, für Connaisseure eines Neo Noirs des 21.Jahrhunderts aber ein Genuss sein sollte. Großes Kino!
Erneut gibt es via Warner Bros. Entertainment GmbH eine je exzellent editierte deutsche BD- und DVD-Ausgabe (2025) sowie als Sonderedition eine BD 4K UHD mit dem Film ungekürzt im Originalformat, bild- und tontechnisch topp, dazu den englischen Originalton, die deutsche Kinosynchronisation (je nach Ausgabe noch Spanisch, Italienisch und Französisch) sowie optional Untertitel auf Deutsch und Englisch, bei der BD 4K UHD auch Dänisch, Finnisch, Norwegisch, Italienisch Schwedisch, Spanisch und Französisch, dazu im Bonus-Material mehr Features, als ich sie hier aufzählen könnte. Vorbildlich.











