Grab der Sonne, Das

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Bewertung
****
Originaltitel
Taiyô no hakaba
Kategorie
Post Noir
Land
JPN
Erscheinungsjahr
1960
Darsteller

Kayoko Honoo, Kôji Nakahara, Masahiko Tsugawa, Fumio Watanebe, Isao Sasaki

Regie
Nagisa Ôshima
Farbe
Farbe
Laufzeit
87 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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Im Slum Kamagasaki der Stadt Osaka leben viele Menschen in Armut, und wenn dort am Morgen die Pendler ankommen, um sich als Tagelöhner zu verdingen, warten Yasu (Yûsuke Kawazu) und ein Kumpan (Kôji Nakahara) aus der Bande von Shinei-Kai (Masahiko Tsugawa) schon auf sie. Sie werben für Hanako (Kayoko Honoo) Leute an, um Blut zu spenden, denn Blutkonserven illegal an Krankenhäuser zu verkaufen, ist lukrativ. Der kleine Ganove Goro Murata (Jun Hamamura) verstaut in einer schäbigen Hütte mehrere Blutkonserven in einem Schrank und will sich dann an der nur halb bekleideten Hanako vergreifen. Sie aber weiß sich gegen den ungeschickten Kerl zur Wehr zu setzen und hält im Nu ein Messer in der Hand. Er habe nur Spaß gemacht, versucht er seinen Versuch herunterszuspielen, doch Hanako herrscht ihn an, er solle sich lieber eine Hure suchen und nicht so dämlich sein. Ein älterer Mann (Eitarô Ozawa), den Yasu ebenfalls aufgelesen hatte, kommt zur Tür herein und gerät mit Goro Murata in einen Streit, als ersterer sich als patriotischer Veteran ausgibt und die politische Lage Japans gegenüber den USA und der Sowjetunion beklagt. Hanako scheint er zu gefallen und sie fragt ihn geradeheraus, ob er bei ihnen mitmachen wolle. Yasu und sein Freund sind mit der Bezahlung durch Hanako unzufrieden, aber sie droht ihnen, Shin von ihrem Nebengeschäft zu erzählen und die beiden trollen sich, Als sie in der Abenddämmerung durch Osakas Innenstadt ziehen, hoffen sie mit irgendwem Streit anzufangen…

 

“Nagisa Ôshima (…) has made a couple of films which are known as noir. One of them is The Sun’s Burial (1960). It was a disturbing portrait of Japan‘s lost, post-war generation“, schreibt Chandrashekhar Joshi in seiner wissenschaftlichen Arbeit An interdisciplinary case study of creative and sociological aspects of noir elements in select Hindi Films made during 1950 to 2015 und dringt ohne Umschweife zum Kern eines Films vor, der im Grunde noch heute als radikal und verstörend bezeichnet werden darf. Mit seiner vierten Regiearbeit emanzipierte sich der damals 28-jährige Nagisa Ôshima (Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence, UK/NZ/JPN 1983) endgültig von der Romantik Hollywoods und von der Idealisierung eines Lebens im Japan altehrwürdiger Traditionen. So radikal wie in Europa der 60er Jahr Pier Paolo Pasoloni und mit deutlichen Anleihen an Luis Buñuels Die Vergessenen (MEX 1950) erscheint Das Grab der Sonne deshalb rabenschwarz, weil es seine ebenso jungen wie armen Gangster und auch die ältere Generation jedweder moralischer Konventionen entkleidet. In Ôshimas Film ist sich jeder einzig selbst der nächste. Hier gibt es niemanden, der überhaupt nur vorgibt, etwas für oder wegen eines anderen Menschen zu tun. Bertolt Brechts populäres Zitat seiner Dreigoschenoper (EA 1928) – „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ – wird von dem jungen Autor und Regisseur solchen Werks nochmals zugespitzt, weil die Moral gar nicht erst nachfolgt. Sie existiert nicht in einem Japan, dessen aufgehende Sonne im Titel des Films zu Grabe getragen wird. Hier geht es wirklich nur ums Fressen, denn Gefressenwerden ist die einzige Alternative. Auszuhalten ist das lediglich, wenn man gegenüber dem Tod und dem Leidensweg dorthin unempfindlich geworden ist, wie uns Bandenführer Shin in einer denkwürdigen Szene zu verstehen gibt.

 

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In einer Zeit, wo der Kinofilm erneut zum Rummelplatz für computeranimierte Kindereien und eine Romantik auf Comicheft-Niveau degenerierte, ist die ebenso kalte wie hoch dramatische Radikalität dieses inhaltlich wie formal kompromisslosen Films wie eine frische Brise. Bemerkenswert ist allerdings, dass letztere 60 Jahre auf dem Buckel hat. Allemal steht Das Grab der Sonne einem Independent-Film wie Winter’s Bone (USA 2010) deutlich näher als dem Mainstream-Kino seiner eigenen Zeit. Dass ein Leben in Not und in Armut die Menschen ebenso korrumpiert und innerlich verwüstet, wie es materieller Reichtum vermag, zeigte schon Henri-Georges Clouzot mit Lohn der Angst (FRA/ITA 1953). Dennoch brauchte es in jenen anbrechenden 60er Jahren noch einige Zeit, bis auch das europäische Kino und später gar das US-Kino Filmwerke von vergleichbarer Radikalität und von derart entfesselter Wut hervorbrachten, wie sie für Das Grab der Sonne jeweils charakteristisch sind. Einmal mehr besticht dieser japanische Film durch die Qualität seiner Schauspieler, von denen einige, etwa Jun Hamamura und Eitarô Ozawa, als Charakterdarsteller im japanischen Filmschaffen über Jahrzehnte hinweg einen Stammplatz innehatten. Der im Folgejahr von Shôhei Imamura geschaffene Post Noir Schweine, Geishas und Matrosen (JPN 1961) greift Motive von Nagisa Ôshimas dunklem Drama auf und gefällt mir persönlich nochmals besser.

 

Das Grab der Sonne erschien als fein editierte DVD-Edition (2009) in der Reihe Japanische Meisterregisseure der östtereichischen polyfilm video, in einer auf 22 Einzeleditionen angelegten Serie, die noch drei weitere Filme Ôshimas beinhaltet. Bild und tontechnisch einwandfrei restauriert, ungekürzt und im Originalformat, mit der original japanischen Tonspur inklusive deutscher Untertitel, das Ganze im Pappschuber und mit einem 20-seitigen Booklet, das in einem Filmessay von Andreas Ungerböck die Filmreihe und im Anschluss daran deren Einzeleditionen anhand von Regisseuren und Filmen vorstellt. Empfehlenswert!

 


Post Noir | 1960 | International | Nagisa Ôshima | Isao Sasaki

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