Gefährliche Leidenschaft

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Film Noir und Neo Noir von 1922 bis heute


Bewertung
*****
Originaltitel
Gun Crazy / Deadly Is The Female
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1950
Darsteller

Peggy Cummins, John Dall, Berry Kroeger, Morris Carnovsky, Anabel Shaw

Regie
Joseph H. Lewis
Farbe
s/w
Laufzeit
87 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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© Warner Bros.
 
Schon als Junge und als Jugendlicher hegt der Vollwaise Barton Tare (Mickey Little, Russ Tamblyn) eine Obsession für Feuerwaffen, die ihm mehr schadet, als dass sie ihm einen Nutzen bringt. Als er im Alter von 14 Jahren eines Nachts in das Waffengeschäft seiner Heimatstadt Cashville (!) einbricht, um aus dem Schaufenster einen Revolver zu stehlen, wird er prompt erwischt und trotz der Fürsprache seiner älteren Schwester Ruby Tare (Anabel Shaw), bei der er heran wächst, von Richter Willoughby (Morris Carnovsky) zu einigen Jahren im Internat verurteilt. Als junger Erwachsener kehrt Barton Tare (John Dall) aus dem Dienst bei der US-Armee zur Familie Rubys, inzwischen ist sie mit Ira Flagler (Arthur Hecht) verheiratet und hat zwei Kinder, und zu seinen Freunden aus Schultagen, Dave Allister (Nedrick Young) und Deputy Clyde Boston (Harry Lewis), zurück. Als ein Jahrmarkt durch Cashville zieht, sieht sich Barton mit diesen beiden die Show von Annie Laurie Starr (Peggy Cummins) an, die für Wetteinsätze als Scharfschütze gegen Leute aus dem Publikum antritt. Wider alle Erwartungen gewinnt Barton gegen die brillante Annie Laurie. Ihr Manager Packett (Berry Kroeger) bietet ihm daraufhin ebenfalls ein Engagement in der Show an, was der ohnehin arbeitslose Barton bereitwillig annimmt…
 
Dass dieser Film Noir im Jahr 1950 unterhalb des Radars der Zensurbehörde in die Kinos gelangte, ist dem Drehbuch des durch das Komitee für unamerikanische Umtriebe (House Committee on Un-American Activities = HUAC) verfolgten Drehbuchautors Dalton Trumbo (Dem Satan singt man keine Lieder, USA 1951) zu verdanken. Gefährliche Leidenschaft ließ zum Auftakt der McCarthy-Ära in den USA zwei Interpretationen zu – oberflächlich diejenige von Staatsfeinden, die von den Organen der Ordnungsmacht rechtmäßig zur Strecke gebracht werden. Solcher Geist der Staatsräson entsprach exakt demjenigen der Frühdreißiger, als Studios und Regisseure um den Erhalt von Gangsterfilmen wie Der öffentliche Feind (USA 1931) oder Narbengesicht (USA 1932) kämpfen mussten. Der sozial- und systemkritische Autor Dalton Trumbo war einer der ersten in Hollywood, die ins Visier von FBI und HUAC gerieten. Nach 11 Monaten im Gefängnis mit Berufsverbot belegt, arbeitete er an Gefährliche Leidenschaft bereits unter einem Pseudonym. Nach dem skandalträchtigen Niedergang des Senators Joseph McCarthy Mitte der Fünfziger sorgte u.a. Kirk Douglas für eine Rehabilitation Dalton Trumbos als Drehbuchautor, der für Stanley Kubricks Spartacus (USA 1960) mit dem Schauspieler gearbeitet hatte und dessen Name dort erstmals wieder im Abspann erschien.
 
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© Warner Bros.
 
Doch ist es die zweite mögliche Interpretation, die Joseph H. Lewis’ Gefährliche Leidenschaft zu einem erstklassigen Film seiner Zeit werden ließ. Die Produktion mit dem Schauspielerduo Cummins und Dall, die in ihren Rollen eine Chemie entwickeln, deren sexuelle Untertöne für die Zeit der Entstehung einmalig sind, rangiert nah an Fritz Langs Gehetzt / Du lebst nur einmal (USA 1937) und Nicholas Rays Im Schatten der Nacht (USA 1948). Im Vorgriff auf Arthur Penns Bonnie und Clyde (USA 1967), der im Zeitalter von Studentenprotesten und Jugendrevolte zu einem Welterfolg wurde, zeigt der Film das Schicksal von Außenseitern einer Gesellschaft, die in ihrem Humus voller Gewaltbereitschaft und Gewaltbesessenheit heranwachsen und deren Obrigkeit ihnen im Fall einer Abkehr von ihren Normen keine Chance lässt. Interessant bei Lewis/Trumbo ist die Verquickung mit der Komponente sexuellen Begehrens, das Abgleiten Barton Tares und Annie Laurie Starrs in Maßlosigkeit und Mordlust, dem die Gegenseite mit zunehmender Härte und völliger Stigmatisierung begegnet. Die Treibjagd des letzten Drittels übersteigt nahezu diejenige von Fritz Lang im Jahr 1937. Das Finale ist grandios inszeniert und eines, wie es sich in dieser Zeit kaum noch ein Hollywoodfilm getraute, auf die Leinwand zu bringen. Tolles Schauspiel, stringente Regie, exzellentes Skript! Gefährliche Leidenschaft ist ein Film Noir, der auf viele US- Regisseure Einfluss hatte, u.a. auf Terrence Malick, Quentin Tarantino, David Lynch und Oliver Stone. Guncrazy – Junge Killer (USA 1992), Tamra Davis’ freies "Remake" mit Drew Barrymore und James LeGros, von der Kritik und vom Publikum bis heute verschmäht, erscheint im Vergleich sowohl hiervon inspiriert als auch eigenständig.
 
In Europa ist Gefährliche Leidenschaft bis dato nur in Spanien auf DVD erschienen. Bestenfalls kann man auf die US-DVD vom Studio Warner Bros. (2004) zurückgreifen, das den Film in einer bildtechnisch exzellent restaurierten Fassung, ungekürzt und im Originalformat, mit englischem Originalton und wahlweise englischen, französischen, spanischen Untertiteln und einem Audiokommentar von Glenn Erickson als Extra bietet.
 

Film Noir | 1950 | USA | Joseph H. Lewis | Dalton Trumbo | Russell Harlan | John Dall | Morris Carnovsky | Nedrick Young | Russ Tamblyn | Peggy Cummins

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