Trauen Sie Alfredo einen Mord zu?

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Film Noir und Neo Noir von 1922 bis heute


Bewertung
*****
Originaltitel
L’Assassino
Kategorie
Post Noir
Land
ITA/FRA
Erscheinungsjahr
1961
Darsteller

Marcello Mastroianni, Micheline Presle, Cristina Gaioni, Salvo Randone, Andrea Checchi

Regie
Elio Petri
Farbe
s/w
Laufzeit
94 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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Rom, Italien, an der Piazza Mignanelli am frühen Morgen: Der Antiquitätenhändler Alfredo Martelli (Marcello Mastroianni) bringt seinen Wagen in eine direkt unterhalb seines Apartments gelegene Autowerkstatt und weist den Mechaniker (Corrado Zingaro) an vollzutanken. Nun betritt er seine hübsche Wohnung, blickt vom Fenster über die Dächer Roms und setzt bei seinem Kofferplattenspieler den Saphir auf die Platte. Zu den Klängen eines Jazzstücks beginnt Alfredo sich zu entkleiden und das Badewasser einzulassen. Mit geübtem Griff packt er mehrere Kleidungsstücke in einen Koffer, denn er muss im Laufe des Vormittags nach Lucca reisen. Dann steigt er in die heiße Wanne, wo er schon bald einschläft… Das Klingeln eines direkt neben ihm stehenden Telefons weckt ihn auf. Seine Verlobte Nicoletta Nogaro (Cristina Gaioni) erkundigt sich nach seiner Gesundheit, doch Martelli lügt sie an und erklärt, dass er 10 Stunden im eigenen Bett geschlafen, sich dadurch erholt habe und just in der Badewanne befände. Ohne ihr zuzuhören, erörtert er Nicoletta seine Reisepläne in Richtung Lucca und bricht das Gespräch kurzerhand ab. Ein Polizeiwagen fährt vor dem Haus vor, mehrere Beamte steigen aus und erkundigen sich bei der Hausmeisterin, ob Alfredo Martelli anwesend sei. Die Männer klingeln, Martelli öffnet und Kommissar Margiotta (Marco Mariani) dringt samt seiner drei Kollegen ohne weitere Erklärung in die Privatwohnung des Antiquitätenhändlers ein. Er fordert ihn ohne Angabe eines Grundes auf mitzukommen…

 

„Trotz seiner pessimistischen (…) Weltsicht, mutet L’Assassino nie wie eine Predigt von hoher Kanzel herab an, wie das für gesellschaftskritische Filme durchaus nicht selbstverständlich ist“, schlussfolgert Oliver Nöding für seinen Blog Remember It For Later. Solche Aussage gehört zu den wenigen Filmkritiken zu Elio Petris Debüt, die heute überhaupt zu dem im Jahr nach Marcello Mastriannis Auftritt in Frederico Fellinis Das süße Leben (ITA 1960) erschienen Trauen Sie Alfredo einen Mord zu? auffindbar sind. Einmal abgesehen vom irreführenden und einfallslosen deutschen Verleihtitel gibt es für mich keinen nachvollziehbaren Grund, warum Fellinis Film weltweit als Meilenstein gepriesen wird und Petris Erstling zumindest hierzulande in Vergessenheit geriet. Eine fantastische Doppel-Edition als BD und als DVD (2014) von Arrow Films in England hat in Deutschland keine Resonanz hervorgerufen, obwohl der Film damit bild- und tontechnisch grandios restauriert und mit zahllosen Extras vorliegt. Auch bei der seit 10, 15 Jahren emsigen Anhängerschaft des Film Noirs regte sich kaum ein Laut, ungeachtet der Tatsache, dass dieser dunkle Thriller manchen Klassikern des Filmstils überaus verwandt ist. Von Die blaue Dahlie (USA 1946) über Anklage - Mord (USA 1947) bis zu Der falsche Mann (USA 1956) versuchen vermeintlich zu Unrecht Angeklagte ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, indessen nicht nur ein Fall aufgeklärt sondern auch manches Psychogramm erstellt wird. Dazu bedient sich Elio Petri nicht nur der Technik der Rückblende sondern auch spezifischer Bilderwelten, die er dem grandiosen Kameramann Carlo di Palma verdankt, der zwischen 1986 und 1997 nahezu alle Filme Woody Allens auf Zelluloid bannte.

 

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© Arrow Films

Heutigen Reaktionen, dass ausgerechgnet dieser italienische Klassiker Staub angesetzt habe, kann ich nicht zustimmen, für mich ist vielmehr das Gegenteil der Fall. Mehr als ein Film über den einzelnen Charakter des Antiquitätenhändlers Alfredo Martelli ist Trauen Sie Alfredo einen Mord zu? die Studie eines Typus’, der in einer für ihn unerwarteten und besonderen Situation seine wahre Natur zeigt. Ja, der Film ist pessimistisch, hier hat Nörding unbedingt recht. Zynisch ist er für mich persönlich allerdings nicht, eher sarkastisch im Unterton. Aber genau das verbindet ihn mit einigen Film Noirs seiner eigenen Zeit, darin der Frage nach Unschuld und Schuld in der Art nachgespürt wird, die auch Petri im Sinn hat, sei es Jean-Luc Godards Außer Atem (FRA 1960) odere Akira Kurosawas Die Bösen schlafen gut (JPN 1960). Martelli ist egoistisch und materialistisch und er ist deutlich jenseits der Grenze, die in Hollywood die heimlichen Helden zu später Reue und Umkehr bewegt. In Petris Film verdrängt der zentrale Charakter seine tief wurzelnde Amoralität mit Erfolg, macht sich über den Verdacht der Außenwelt an seiner Integrität sogar lustig und schwimmt als Parasit im Strom des Lebens wie ein Korken obenauf. Das ist am Ende derart tiefschwarz, dass die Aufnahme in den Kanon des Post Noirs mit diesem Eintrag geradezu überfällig scheint. Neben Marcello Mastroianni als Star erweisen sich auch die beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen als ebenbürtig und genau am richtigen Platz. Wunderbarer Film!

 

Eine Doppel-Ausgabe mit der BD und der DVD (2014) von Arrow Films in deren Reihe Arrow Academy bringt den Film als hochauflösende Blu-ray (1080p) und als reguläre DVD in der neuen 2K Restauration von der Cineteca di Bologna. Mit der italienischen Tonspur inklusive englischer Untertitel, im Originalformat und auch ungekürzt - letzteres meint für PAL und damit die DVD 94 und für die BD 97 Minuten Spieldauer. Die Extras beinhalten unterm Titel Elio Petri and L Assassino eine Einführung ins Werk durch den italienischen Filmhistoriker Pasquale Iannone, dazu Nicola Tranquillinos Tonino Guerra: A Poet in the Movies, eine Dokumentation über den Drehbuchautor, obendrein den original Kinotrailer und ein fein editiertes 40seitiges Booklet mit Filmfotos und einem Filmessay von Camilla Zamboni sowie einer Auswahl zeitgenössischer Filmrezensionen. Alles in allem eine brillante Edition!

 


Post Noir | 1961 | International | Elio Petri | Mac Ronay | Cristina Gaioni | Micheline Presle

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